„Lösegelder sind höher als Kosten für IT-Sicherheit“
IT-Sicherheitsexperte Linus Neumann spricht im Interview über Cyberkriminalität, Künstliche Intelligenz und IT-Sicherheit.
Übermenschliche Fähigkeiten hat kein Hacker. Sie nutzen nur die Schwachstellen bei den Betrieben aus. Ein Gespräch mit Linus Neumann, Hacker, Diplom-Psychologe und einer der gefragtesten IT-Sicherheitsexperten Deutschlands.
„Kärntner Wirtschaft“: Welche Bedrohungen durch Cyberkriminalität sind für Betriebe in den nächsten Jahren am gravierendsten?
Linus Neumann: Bevor wir uns Gedanken über die nächsten Jahre machen, müssen die KMU erst mit den Herausforderungen der Gegenwart fertig werden. Seit mehr als fünf Jahren ist Ransomware die gravierendste und häufigste Bedrohung: Angreifer zerstören Backups, verschlüsseln betriebskritische Systeme und verlangen dann Lösegeld für den Schlüssel zur Wiederherstellung. Nachdruck wird der Forderung verliehen, indem mit der Veröffentlichung von internen Dateien gedroht wird. Die Lösegelder sind sehr hoch und übertreffen die Kosten für eine angemessene Absicherung um ein Vielfaches.
Wo sollte die Priorität bei der IT-Sicherheit liegen?
IT-Sicherheit muss immer mit beschränkten Ressourcen arbeiten, während Angreifer den Luxus haben, nur einen Fehler finden zu müssen. Wir müssen also entlang der Ziele und Methoden der Angreifer priorisieren – nur so machen wir die heutigen „Geschäftsmodelle” kaputt und zwingen die Angreifer, sich etwas Neues ausdenken zu müssen. Der seit nunmehr vielen Jahren ausgenutzte Schwachpunkt ist, dass Backups gelöscht werden können und die Systemwiederherstellung nie vorbereitet, optimiert und trainiert wurde. Hier liegen also die aktuell sinnvollsten Prioritäten – in der Vorbeugung und Vorsorge für einen Ransomware-Angriff.
Das bedeutet konkret?
Entlang der klassischen Angriffspfade bedeutet das: Active Directory härten, unlöschbare Backups sicherstellen und die Backups für eine gezielte Wiederherstellung des Notbetriebs optimieren. Die Angriffe, die ein KMU fürchten muss, sind massenhaft und gleich.
IT-Sicherheit muss mit beschränkten Ressourcen arbeiten. Angreifer müssen nur einen Fehler finden.
Linus Neumann
Hacker, Diplom-Psychologe und IT-SicherheitsexperteChat-GPT & Co. – wie sicher ist die Nutzung von KI?
Das kommt sehr darauf an, welche Aufgaben man von einer KI übernehmen lässt und welche Inhalte man ihr dafür anvertrauen muss. Neben den Risiken eines Datenabflusses sehe ich vor allem auch das Risiko, sehr schnell eine Abhängigkeit aufzubauen, aus der sich das Unternehmen nicht mehr lösen kann. Dann gehen die Preise hoch. Dabei wäre das noch der günstige Fall. Wenn die KI erst einmal alle entscheidenden Prozesse eines Unternehmens abbildet, warum sollte es dann noch dem Unternehmen den Profit übrig lassen, statt in Konkurrenz zu gehen? Mit diesem Werkzeug muss also sehr bewusst und informiert umgegangen werden. Eine vollständige KI-Verweigerung ist vermutlich genauso eine Sackgasse, wie ein blinder KI-Enthusiasmus.
Was bedeutet für Sie digitale Souveränität und wie sehen Sie die Abhängigkeit europäischer Firmen von amerikanischen oder chinesischen Cloud- und Softwareanbietern?
Zunächst möchte ich betonen, dass das ein anderes Thema ist, als IT-Sicherheit oder Resilienz. IT-Sicherheit und Resilienz schauen ja „nur“ technisch und strukturell auf Prozesse. Die geo-strategische Perspektive der Abhängigkeiten ist eine ganz andere. Natürlich ist es erstrebenswert, geringere Abhängigkeit zu haben – dafür müssen eigene Lösungen aber ebenso massiv gefördert werden, wie in China und USA, die auch dank dieser Förderung die internationale Vorherrschaft erlangt haben.
Ihr praktischer Tipp für Selbstständige: Worauf sollte man als Erstes achten?
Backups und Zwei-Faktor-Authentifizierung.
- Linus Neumann, geboren 1983, ist Hacker und Berater für IT-Sicherheit. Der Diplom-Psychologe lebt und arbeitet in Berlin.
- Er gilt als einer der bekanntesten IT-Sicherheitsexperten Deutschlands und tritt als Referent auf.
- Im Podcast „Logbuch: Netzpolitik“ betrachtet er gesellschaftliche und politische Dimensionen der Digitalisierung.
- Er ist ehrenamtlicher Sprecher des Chaos Computer Clubs, das ist ein Zusammenschluss von Hackern, die sich mit Computersicherheit beschäftigen.
- In seiner Freizeit hackt er weiter oder versucht möglichst weit weg vom Computer zu sein.