„Wer KI nur als Tool sieht, hat sie nicht verstanden“
Warum Künstliche Intelligenz mehr ist als ein Tool und weshalb viele Unternehmen am falschen Punkt ansetzen, erklärt Digitalunternehmer Roger Basler de Roca.
„Kärntner Wirtschaft“: Wo stehen wir aktuell in puncto Künstliche Intelligenz – eher im Hype oder schon in der Realität?
Roger Basler de Roca: Wir stehen genau dazwischen. Der Vergleich ist ein bisschen wie damals bei Websites oder Social Media: Anfangs war alles Hype, heute ist es selbstverständlich. Bei KI geht es aber weniger um einzelne Tools, sondern um eine neue Art zu arbeiten. Die Instrumente sind dabei nebensächlich. Es gibt unzählige Alternativen – auch in Europa, etwa bei Sprachmodellen oder Bildgeneratoren. Die Vielfalt ist groß. Entscheidend ist nicht das Tool, sondern wie wir damit umgehen.
Was wird am meisten überschätzt und was unterschätzt?
Überschätzt wird oft das Offensichtliche: Texte schreiben, Bilder generieren oder Videos erstellen. Das ist spektakulär, aber nicht der größte Hebel. Unterschätzt wird das enorme Potenzial in der Automatisierung von Prozessen. E‑Mails, Belegerfassung oder repetitive Tätigkeiten – dort lassen sich massiv Zeitressourcen freischaufeln. Viele Menschen machen heute noch Überstunden für Copy-Paste-Arbeit. Genau hier liegt der eigentliche Nutzen. Ein leicht zu bedienender Chatbot wie ChatGPT ist zwar nett, aber ein funktionierendes System im Hintergrund, das Prozesse verbessert, ist viel wertvoller.
Ist KI für Unternehmen ein Produktivitäts-Tool oder ein strategischer Gamechanger?
Beides. Kurzfristig ist es ein Produktivitäts-Tool, langfristig ganz klar ein strategischer Gamechanger. Unternehmen müssen sich fragen: Wie integriere ich KI so, dass sie Teil meines Systems wird? Es geht nicht darum, einzelne Tools zu nutzen, sondern darum, KI auf die eigenen Bedürfnisse zu konfigurieren – idealerweise so einfach, dass sie als Agent mit einem Knopfdruck funktioniert.
Viele Unternehmen fühlen sich überfordert. Wo liegt der größte Denkfehler?
Der größte Fehler ist, KI nur als Tool zu sehen. Das ist, als würde man einem 16-Jährigen ohne Führerschien einen Autokatalog in die Hand drücken und sagen: „Such dir ein Auto aus.“ Die entscheidende Frage ist: Was will ich eigentlich erreichen? Und was bedeutet diese Technologie für mein Unternehmen und meine Mitarbeiter? Wir müssen uns überlegen, wie wir die Menschen mitnehmen – gerade in einer Welt, in der sich viele Berufe stark verändern oder ganz verschwinden werden. Unser Bildungssystem kommt da aktuell nicht mehr mit.
Was unterscheidet den KI-Boom von früheren Digitalisierungswellen?
Früher hat der Browser unseren Alltag verändert. Heute ist KI dabei, diese Rolle zu übernehmen. Viele Anwendungen werden verschwinden oder im Hintergrund aufgehen, weil KI direkt im Betriebssystem integriert ist. Das macht vieles einfacher, schafft aber auch neue Abhängigkeiten.
Ein Chatbot ist nett, aber ein funktionierendes System im Hintergrund ist viel wertvoller.
Roger Basler de Roca
DigitalunternehmerWas bedeutet „pragmatischer Einsatz von KI“ im Unternehmensalltag?
Pragmatismus heißt, sehr genau hinzuschauen: Wo bringt Technologie echten Mehrwert – und wo nicht? Vieles, was heute als KI verkauft wird, ist in Wahrheit nur ein programmiertes Script. KI ist die nächste Stufe der Digitalisierung, aber sie funktioniert nur, wenn die Datenbasis stimmt. Und vor allem: KI soll nicht dazu führen, dass wir noch mehr Arbeit produzieren, sondern dass wir wertvoller arbeiten. Ein wichtiger Punkt ist auch die Kreativität. KI kann nichts wirklich Neues erschaffen, aber sie kann helfen, Ideen extrem schnell umzusetzen.
Viele Unternehmen haben bereits Daten, nutzen sie aber kaum. Wird KI ohne saubere Datenbasis überschätzt?
Absolut. Ohne gute Daten funktioniert keine KI sinnvoll. Wer seine Daten nicht im Griff hat, wird auch mit KI keinen echten Mehrwert erzielen.
Wo stoßen KI-Tools noch an ihre Grenzen?
Dort, wo es um echtes Verständnis, Kontext und zwischenmenschliche Nuancen geht. KI kann viel, aber sie ersetzt nicht menschliches Urteilsvermögen oder Erfahrung.
Wenn wir in fünf Jahren auf den aktuellen KI-Hype zurückblicken: Worüber werden wir schmunzeln?
Wahrscheinlich darüber, wie sehr wir uns auf einzelne Tools fokussiert haben, anstatt die grundlegenden Veränderungen zu verstehen.
Gibt es Entwicklungen im KI-Bereich, die Ihnen Sorgen machen?
Ja, mehrere. Einerseits, dass bestimmte Bereiche – etwa militärische Anwendungen – kaum reguliert sind. Andererseits besteht die Gefahr, dass wir als Gesellschaft bequemer und oberflächlicher werden. Menschen sind grundsätzlich energiesparend, und KI verstärkt das. Wenn wir sie bewusst einsetzen, ist das kein Problem. Aber wenn nur noch Geschwindigkeit zählt, kann das kritisch werden. Und unser Bildungssystem ist darauf aktuell nicht vorbereitet.
Was ist die Message Ihrer Keynote beim KI-Day der WK Kärnten am 5. Mai?
Dass es konkrete, pragmatische Anwendungen gibt – auch mit europäischen Lösungen. Und dass es letztlich um Selbstverantwortung geht: KI muss für den Menschen arbeiten, nicht umgekehrt.
Wenn Sie Ihre Botschaft in einem Satz zusammenfassen müssten – wie würde dieser lauten?
Es geht nur gemAInsam.
- Roger Basler de Roca aus Winterthur in der Schweiz ist Digitalunternehmer, Berater und Keynote-Speaker mit über 20 Jahren Erfahrung in Digitalisierung und Innovation.
- Er unterstützt Unternehmen unterschiedlicher Größen und Branchen dabei, neue Technologien – insbesondere Künstliche Intelligenz – verständlich und praxisnah einzusetzen.
- Sein jüngstes Buch trägt den Titel „KI kann ich: Zwischen Prompt und Purpose“.