Roger Basler de Roca weiß, wie KI sinnvoll eingesetzt werden kann.
Roger Basler de Roca weiß, wie KI sinnvoll eingesetzt werden kann. © Roger Basler de Roca
Roger Basler de Roca

„Wer KI nur als Tool sieht, hat sie nicht verstanden“

Warum Künstliche Intelligenz mehr ist als ein Tool und weshalb viele Unternehmen am falschen Punkt ansetzen, erklärt Digitalunternehmer Roger Basler de Roca.

22.04.2026 10:35 - Update am: 22.04.2026 10:38 von Johannes Moser
Lesezeit 6 Minuten

„Kärntner Wirtschaft“: Wo stehen wir aktuell in puncto Künst­liche Intel­ligenz – eher im Hype oder schon in der Realität?

Roger Basler de Roca: Wir stehen genau dazwi­schen. Der Vergleich ist ein bisschen wie damals bei Websites oder Social Media: Anfangs war alles Hype, heute ist es selbst­ver­ständlich. Bei KI geht es aber weniger um einzelne Tools, sondern um eine neue Art zu arbeiten. Die Instru­mente sind dabei neben­sächlich. Es gibt unzählige Alter­na­tiven – auch in Europa, etwa bei Sprach­mo­dellen oder Bildge­ne­ra­toren. Die Vielfalt ist groß. Entscheidend ist nicht das Tool, sondern wie wir damit umgehen.

Was wird am meisten überschätzt und was unter­schätzt?

Überschätzt wird oft das Offen­sicht­liche: Texte schreiben, Bilder generieren oder Videos erstellen. Das ist spekta­kulär, aber nicht der größte Hebel. Unter­schätzt wird das enorme Potenzial in der Automa­ti­sierung von Prozessen. ­E‑Mails, Beleg­erfassung oder repetitive Tätig­keiten – dort lassen sich massiv Zeitres­sourcen freischaufeln. Viele Menschen machen heute noch Überstunden für Copy-Paste-Arbeit. Genau hier liegt der eigent­liche Nutzen. Ein leicht zu bedie­nender Chatbot wie ChatGPT ist zwar nett, aber ein funktio­nie­rendes System im Hinter­grund, das Prozesse verbessert, ist viel wertvoller.

Ist KI für Unter­nehmen ein Produk­ti­vitäts-Tool oder ein strate­gi­scher Gamech­anger?

Beides. Kurzfristig ist es ein Produk­ti­vitäts-Tool, langfristig ganz klar ein strate­gi­scher Gamech­anger. Unter­nehmen müssen sich fragen: Wie integriere ich KI so, dass sie Teil meines Systems wird? Es geht nicht darum, einzelne Tools zu nutzen, sondern darum, KI auf die eigenen Bedürf­nisse zu konfi­gu­rieren – idealer­weise so einfach, dass sie als Agent mit einem Knopf­druck funktio­niert.

Viele Unter­nehmen fühlen sich überfordert. Wo liegt der größte Denkfehler?

Der größte Fehler ist, KI nur als Tool zu sehen. Das ist, als würde man einem 16-Jährigen ohne Führer­schien einen Autoka­talog in die Hand drücken und sagen: „Such dir ein Auto aus.“ Die entschei­dende Frage ist: Was will ich eigentlich erreichen? Und was bedeutet diese Techno­logie für mein Unter­nehmen und meine Mitar­beiter? Wir müssen uns überlegen, wie wir die Menschen mitnehmen – gerade in einer Welt, in der sich viele Berufe stark verändern oder ganz verschwinden werden. Unser Bildungs­system kommt da aktuell nicht mehr mit.

Was unter­scheidet den KI-Boom von früheren Digita­li­sie­rungs­wellen?

Früher hat der Browser unseren Alltag verändert. Heute ist KI dabei, diese Rolle zu übernehmen. Viele Anwen­dungen werden verschwinden oder im Hinter­grund aufgehen, weil KI direkt im Betriebs­system integriert ist. Das macht vieles einfacher, schafft aber auch neue Abhän­gig­keiten.

Ein Chatbot ist nett, aber ein funktio­nie­rendes System im Hinter­grund ist viel wertvoller.Zitat Ende

Roger Basler de Roca

Digital­un­ter­nehmer

Was bedeutet „pragma­ti­scher Einsatz von KI“ im Unter­neh­mens­alltag?

Pragma­tismus heißt, sehr genau hinzu­schauen: Wo bringt Techno­logie echten Mehrwert – und wo nicht? Vieles, was heute als KI verkauft wird, ist in Wahrheit nur ein program­miertes Script. KI ist die nächste Stufe der Digita­li­sierung, aber sie funktio­niert nur, wenn die Daten­basis stimmt. Und vor allem: KI soll nicht dazu führen, dass wir noch mehr Arbeit produ­zieren, sondern dass wir wertvoller arbeiten. Ein wichtiger Punkt ist auch die Kreati­vität. KI kann nichts wirklich Neues erschaffen, aber sie kann helfen, Ideen extrem schnell umzusetzen.

Viele Unter­nehmen haben bereits Daten, nutzen sie aber kaum. Wird KI ohne saubere Daten­basis überschätzt?

Absolut. Ohne gute Daten funktio­niert keine KI sinnvoll. Wer seine Daten nicht im Griff hat, wird auch mit KI keinen echten Mehrwert erzielen.

Wo stoßen KI-Tools noch an ihre Grenzen?

Dort, wo es um echtes Verständnis, Kontext und zwischen­mensch­liche Nuancen geht. KI kann viel, aber sie ersetzt nicht mensch­liches Urteils­ver­mögen oder Erfahrung.

Wenn wir in fünf Jahren auf den aktuellen KI-Hype zurück­blicken: Worüber werden wir schmunzeln?

Wahrscheinlich darüber, wie sehr wir uns auf einzelne Tools fokus­siert haben, anstatt die grund­le­genden Verän­de­rungen zu verstehen.

Gibt es Entwick­lungen im KI-Bereich, die Ihnen Sorgen machen?

Ja, mehrere. Einer­seits, dass bestimmte Bereiche – etwa militä­rische Anwen­dungen – kaum reguliert sind. Anderer­seits besteht die Gefahr, dass wir als Gesell­schaft bequemer und oberfläch­licher werden. Menschen sind grund­sätzlich energie­sparend, und KI verstärkt das. Wenn wir sie bewusst einsetzen, ist das kein Problem. Aber wenn nur noch Geschwin­digkeit zählt, kann das kritisch werden. Und unser Bildungs­system ist darauf aktuell nicht vorbe­reitet.

Was ist die Message Ihrer Keynote beim KI-Day der WK Kärnten am 5. Mai?

Dass es konkrete, pragma­tische Anwen­dungen gibt – auch mit europäi­schen Lösungen. Und dass es letztlich um Selbst­ver­ant­wortung geht: KI muss für den Menschen arbeiten, nicht umgekehrt.

Wenn Sie Ihre Botschaft in einem Satz zusam­men­fassen müssten – wie würde dieser lauten?

Es geht nur gemAInsam.

Zur Person
  • Roger Basler de Roca aus Winterthur in der Schweiz ist Digital­un­ter­nehmer, Berater und Keynote-Speaker mit über 20 Jahren Erfahrung in Digita­li­sierung und Innovation.
  • Er unter­stützt Unter­nehmen unter­schied­licher Größen und Branchen dabei, neue Techno­logien – insbe­sondere Künst­liche Intel­ligenz – verständlich und praxisnah einzu­setzen.
  • Sein jüngstes Buch trägt den Titel „KI kann ich: Zwischen Prompt und Purpose“.
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