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WK-Direktor und Außenwirtschaftsexperte Meinrad Höfferer. © WKK/PS
Meinrad Höfferer

„Der offene, freie Handel ist für uns der Schlüssel zu Wohlstand“

Wie das Abkommen der EU mit Indien zu sehen ist und was das Mercosur-Abkommen gerade in der aktuellen geopolitischen Situation bedeutet, erklärt WK-Direktor und Außenwirtschaftsexperte Meinrad Höfferer.

28.01.2026 08:23 - Update am: 11.02.2026 09:41 von Ines Tebenszky
Lesezeit 6 Minuten

„Kärntner Wirtschaft“: Ist das Handels­ab­kommen der EU mit Indien ein Licht­blick?

Meinrad Höfferer: Es ist ein positives Signal dafür, dass die EU erkannt hat, dass wir strate­gische Partner­schaften brauchen. Das alleine reicht aber nicht – das Mercosur-Abkommen muss ebenfalls auf den Weg gebracht werden.

Was macht das Mercosur-Abkommen gerade jetzt so entscheidend für Europa?

Es gibt einen guten Grund, dass Europa jetzt schon über 25 Jahre an diesem Abkommen arbeitet, an der größten Freihan­delszone dieser Erde. Und genau seitdem, vielleicht noch etwas länger, haben wir diesen enormen Aufschwung in Europa und auch in Öster­reich. Für uns war der offene, freie Handel immer der Schlüssel zu Wohlstand. Dementspre­chend ist es von enormer Bedeutung, mit einem Kontinent, der unserer Kultur sehr nahe ist, auch im Geschäft näher zu kommen.

Kritiker argumen­tieren, dass das Abkommen Umwelt- und Klima­ziele gefährdet.

Das hat nichts mit Fakten zu tun, das sind populis­tische Äußerungen. Die Mercosur-Länder müssen ganz klare Standards erfüllen. Ein Abkommen mit Europa bringt dem Regenwald sicher mehr Schutz als ein Abkommen mit Ländern, in denen ökolo­gische und Quali­täts­stan­dards nicht so hoch sind wie bei uns.

Sind die Sorgen der Landwirt­schaft überzogen?

Sorgen sind immer ernst zu nehmen. Aber mir konnte bis jetzt niemand erklären, welche konkreten Nachteile Bauern in Öster­reich hätten. Die Menge an Zollfreien Fleisch im Rahmen des Abkommens entspricht rund 1% des jährlichen Konsums in der EU, das kann den Preis nicht gravierend beein­flussen. Wir impor­tieren schon jetzt Fleisch aus Argen­tinien und Brasilien, aber wir können die Standards nicht so vorgeben, wie wir es innerhalb eines Abkommens könnten. Weiters sehe ich umgekehrt die Chance, dass wir Öster­reich als Feinkost­laden auf den Mercosur-Märkten platzieren können.

Mit Mercosur würde sich ein Markt von 700 Millionen Konsu­menten erschließen. Welche Chancen gibt es für Kärntner Betriebe?

Die klassi­schen Export­pro­dukte, die wir in Kärnten haben – Maschinen, Anlagen, elektro­ni­sches Equipment, Elektro­technik, Holz und Holzpro­dukte – sind genau das, was Südamerika und speziell die Mercosur-Länder brauchen, um ihre Wirtschaft zu moder­ni­sieren und zu reindus­tria­li­sieren. Das passt nicht ganz zusammen mit dem, was uns Südamerika verkaufen möchte, aber deswegen verhandelt man auch schon so lange.

Die Wirtschaft fordert ein vorläu­figes Inkraft­treten. Warum ist das so wichtig?

Das ist auch ganz klar unsere Position, dass dieses lang verhan­delte Abkommen jetzt in Kraft treten soll. Es wurden auch andere Abkommen, wie jene mit Singapur oder Kanada, die vielleicht eine ähnliche Grundlage haben, vom EuGH geprüft und für in Ordnung befunden. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass in dem Abkommen derartige Mängel sein könnten, sodass der Europäische Gerichtshof es aufhebt. Dafür wurde einfach viel zu lange und detail­liert daran gearbeitet.

Wie groß ist die Gefahr, dass nun andere Wirtschafts­mächte wie China oder die USA dauerhaft profi­tieren?

Wenn wir es jetzt nicht schaffen, Südamerika zumindest in weiten Teilen zu einer Freihan­delszone zu machen, dann werden verstärkt andere das tun. Aber es ist nicht so, dass andere Länder nicht schon dort wären. Südamerika ist dominiert vom Dollar und wir sehen auch eine enge Bindung und Abhän­gigkeit vieler Länder. Das ist jetzt die letzte Chance, unseren Fuß noch hinein­zu­be­kommen.

Wie schätzen Sie die aktuelle geopo­li­tische Entwicklung ein?

Wir haben in den vergan­genen 30, 40 Jahren eine offene Welthan­dels­po­litik aufgebaut, die allen Partnern immer mehr Wohlstand gebracht hat. Damit hat sich Öster­reich enorm entwi­ckelt. Das gerät jetzt massiv in Gefahr. Deshalb muss gehandelt werden: Europa muss das Mercosur-Abkommen abschließen und weitere Abkommen verhandeln. Und wenn es mit China und vor allem den USA nicht mehr geht, muss man sich weltweit neue Allianzen suchen – etwa mit Japan, Südkorea, Indien, Australien, Malaysia, Indonesien oder Afrika. Das muss man voran­treiben.

Wirkt sich die aktuelle Situation auf die Export­be­zie­hungen zu den USA aus?

Bis zu den Zahlen des ersten Halbjahres 2025 sehen wir das in Kärnten noch nicht drama­tisch negativ. Die Exporte in die USA, die nach Deutschland schon die Nummer zwei waren, haben in den vergan­genen Jahren stetig abgenommen. Andere Bundes­länder wie Oberös­ter­reich oder die Steiermark sind ganz stark USA-lastig orien­tiert mit dem Effekt, dass es im ersten halben Jahr 2025 vor Inkraft­treten der Zölle viele Käufe auf Lager gegeben hat. Wie es sich danach entwi­ckelt hat, werden uns die Jahres­zahlen für 2025 zeigen.

Wie sollte Europa der aktuellen Situation begegnen?

Die EU muss geschlossen und selbst­be­wusst auftreten. Leider gibt es zu viele Populisten, die auf das Thema aufspringen, um politi­sches Kleingeld zu wechseln – das ist Gift für Europa. Personen, die so agieren, müssen klar in die Schranken gewiesen werden, da sie mit ihrem Verhalten ihr eigenes Land und ihren Kontinent desavou­ieren und die Stärke der Einigkeit abnimmt.

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Dieser Artikel ist in Ausgabe 2/26 erschienen.
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