Der Zwick
„Der offene, freie Handel ist für uns der Schlüssel zu Wohlstand“
Wie das Abkommen der EU mit Indien zu sehen ist und was das Mercosur-Abkommen gerade in der aktuellen geopolitischen Situation bedeutet, erklärt WK-Direktor und Außenwirtschaftsexperte Meinrad Höfferer.
„Kärntner Wirtschaft“: Ist das Handelsabkommen der EU mit Indien ein Lichtblick?
Meinrad Höfferer: Es ist ein positives Signal dafür, dass die EU erkannt hat, dass wir strategische Partnerschaften brauchen. Das alleine reicht aber nicht – das Mercosur-Abkommen muss ebenfalls auf den Weg gebracht werden.
Was macht das Mercosur-Abkommen gerade jetzt so entscheidend für Europa?
Es gibt einen guten Grund, dass Europa jetzt schon über 25 Jahre an diesem Abkommen arbeitet, an der größten Freihandelszone dieser Erde. Und genau seitdem, vielleicht noch etwas länger, haben wir diesen enormen Aufschwung in Europa und auch in Österreich. Für uns war der offene, freie Handel immer der Schlüssel zu Wohlstand. Dementsprechend ist es von enormer Bedeutung, mit einem Kontinent, der unserer Kultur sehr nahe ist, auch im Geschäft näher zu kommen.
Kritiker argumentieren, dass das Abkommen Umwelt- und Klimaziele gefährdet.
Das hat nichts mit Fakten zu tun, das sind populistische Äußerungen. Die Mercosur-Länder müssen ganz klare Standards erfüllen. Ein Abkommen mit Europa bringt dem Regenwald sicher mehr Schutz als ein Abkommen mit Ländern, in denen ökologische und Qualitätsstandards nicht so hoch sind wie bei uns.
Sind die Sorgen der Landwirtschaft überzogen?
Sorgen sind immer ernst zu nehmen. Aber mir konnte bis jetzt niemand erklären, welche konkreten Nachteile Bauern in Österreich hätten. Die Menge an Zollfreien Fleisch im Rahmen des Abkommens entspricht rund 1% des jährlichen Konsums in der EU, das kann den Preis nicht gravierend beeinflussen. Wir importieren schon jetzt Fleisch aus Argentinien und Brasilien, aber wir können die Standards nicht so vorgeben, wie wir es innerhalb eines Abkommens könnten. Weiters sehe ich umgekehrt die Chance, dass wir Österreich als Feinkostladen auf den Mercosur-Märkten platzieren können.
Mit Mercosur würde sich ein Markt von 700 Millionen Konsumenten erschließen. Welche Chancen gibt es für Kärntner Betriebe?
Die klassischen Exportprodukte, die wir in Kärnten haben – Maschinen, Anlagen, elektronisches Equipment, Elektrotechnik, Holz und Holzprodukte – sind genau das, was Südamerika und speziell die Mercosur-Länder brauchen, um ihre Wirtschaft zu modernisieren und zu reindustrialisieren. Das passt nicht ganz zusammen mit dem, was uns Südamerika verkaufen möchte, aber deswegen verhandelt man auch schon so lange.
Die Wirtschaft fordert ein vorläufiges Inkrafttreten. Warum ist das so wichtig?
Das ist auch ganz klar unsere Position, dass dieses lang verhandelte Abkommen jetzt in Kraft treten soll. Es wurden auch andere Abkommen, wie jene mit Singapur oder Kanada, die vielleicht eine ähnliche Grundlage haben, vom EuGH geprüft und für in Ordnung befunden. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass in dem Abkommen derartige Mängel sein könnten, sodass der Europäische Gerichtshof es aufhebt. Dafür wurde einfach viel zu lange und detailliert daran gearbeitet.
Wie groß ist die Gefahr, dass nun andere Wirtschaftsmächte wie China oder die USA dauerhaft profitieren?
Wenn wir es jetzt nicht schaffen, Südamerika zumindest in weiten Teilen zu einer Freihandelszone zu machen, dann werden verstärkt andere das tun. Aber es ist nicht so, dass andere Länder nicht schon dort wären. Südamerika ist dominiert vom Dollar und wir sehen auch eine enge Bindung und Abhängigkeit vieler Länder. Das ist jetzt die letzte Chance, unseren Fuß noch hineinzubekommen.
Wie schätzen Sie die aktuelle geopolitische Entwicklung ein?
Wir haben in den vergangenen 30, 40 Jahren eine offene Welthandelspolitik aufgebaut, die allen Partnern immer mehr Wohlstand gebracht hat. Damit hat sich Österreich enorm entwickelt. Das gerät jetzt massiv in Gefahr. Deshalb muss gehandelt werden: Europa muss das Mercosur-Abkommen abschließen und weitere Abkommen verhandeln. Und wenn es mit China und vor allem den USA nicht mehr geht, muss man sich weltweit neue Allianzen suchen – etwa mit Japan, Südkorea, Indien, Australien, Malaysia, Indonesien oder Afrika. Das muss man vorantreiben.
Wirkt sich die aktuelle Situation auf die Exportbeziehungen zu den USA aus?
Bis zu den Zahlen des ersten Halbjahres 2025 sehen wir das in Kärnten noch nicht dramatisch negativ. Die Exporte in die USA, die nach Deutschland schon die Nummer zwei waren, haben in den vergangenen Jahren stetig abgenommen. Andere Bundesländer wie Oberösterreich oder die Steiermark sind ganz stark USA-lastig orientiert mit dem Effekt, dass es im ersten halben Jahr 2025 vor Inkrafttreten der Zölle viele Käufe auf Lager gegeben hat. Wie es sich danach entwickelt hat, werden uns die Jahreszahlen für 2025 zeigen.
Wie sollte Europa der aktuellen Situation begegnen?
Die EU muss geschlossen und selbstbewusst auftreten. Leider gibt es zu viele Populisten, die auf das Thema aufspringen, um politisches Kleingeld zu wechseln – das ist Gift für Europa. Personen, die so agieren, müssen klar in die Schranken gewiesen werden, da sie mit ihrem Verhalten ihr eigenes Land und ihren Kontinent desavouieren und die Stärke der Einigkeit abnimmt.