„Uns steht ein Marathon bevor, kein Sprint“
Leadership-Experte Wolfgang Jenewein spricht im Interview über gute Führung.
Wolfgang Jenewein ist Professor, Berater und Unternehmer. Er weiß, was Führungskräfte und Athleten gemeinsam haben.
„Kärntner Wirtschaft“: Als Leadership-Experte mit über 20 Jahren Erfahrung: Wie definieren Sie gute Führung?
Wolfgang Jenewein: Es geht darum, sich seiner Verantwortung für Menschen und deren Entwicklung bewusst zu werden. Das ist eine anstrengende, aber auch erfüllende Aufgabe. Im nächsten Schritt sollte ein Umfeld geschaffen werden, in dem Mitarbeiter aufblühen, motiviert und inspiriert sind. Gute Führung bedeutet nicht, Kosten einzusparen, Fehler zu suchen und Zeit zu optimieren.
Was zeichnet Führung in Klein- und Mittelbetrieben aus?
Es geht immer um Menschen, unabhängig von der Betriebsgröße. Kleinere Unternehmen haben jedoch andere Rahmenbedingungen, weniger Compliance und können somit flexibler, freier entscheiden. Sie können gezielter auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter eingehen. Das ist eine große Chance und ein Wettbewerbsvorteil, den man nutzen sollte.
Wie unterscheidet sich ein gutes Team von einem Hochleistungsteam?
In Hochleistungsteams liefert jede einzelne Person ihre beste Performance ab. Sie sind hart im Sinne der Sache, aber herzlich im Umgang miteinander. Ihr Ziel ist es, gemeinsam die beste Lösung zu finden. Sie scheuen keine Konflikte – kritische Themen werden offen ausdiskutiert, auf der Beziehungsebene gibt es kaum Reibungen. In durchschnittlichen Teams ist es genau umgekehrt. Viel Energie geht auf der Beziehungsebene verloren, sodass inhaltlich nicht viel diskutiert wird. Mitarbeitende ziehen sich zurück, die Leistung sinkt.
Stichwort Generationenkonflikt: Welche Werte werden in Zukunft in der Unternehmenskultur entscheidend sein?
Generationenkonflikte werden oft überschätzt. Studien zeigen, dass viele Werte schon immer ähnlich waren, etwa der Wunsch nach sinnerfüllter, selbstbestimmter Arbeit. Die neue Generation hat heute durch soziale Medien nur viel mehr Möglichkeiten, diese Bedürfnisse einzufordern. Trotzdem muss man solche Diskussionen ernstnehmen. Flachere Hierarchien und mehr Empowerment sind entscheidend, um in einer dynamischen Welt schnell und agil zu bleiben. Wichtig ist, dass man diese Dinge angeht und an den Organisationstyp anpasst. Die Faustregel lautet: So viel Strukturen und Vorgaben wie
nötig, aber so wenig wie möglich.
Wer soll dir folgen, wenn du selbst nicht die Kraft hast, vorwärts zu gehen?
Wolfgang Jenewein
Leadership-ExperteUnternehmen sind aktuell vielen Herausforderungen ausgesetzt. Wie schafft man es, einen gesunden Betrieb und ein gesundes Team zu leiten?
Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass es wieder ruhiger wird. Was hilft, ist sich den Themen zu stellen, lernen damit umzugehen. Was Unternehmen und Mitarbeiter jetzt brauchen, ist Resilienz. Ganz banal geht es darum, für sich selbst zu sorgen. Nur ein gesunder Arbeitgeber kann auch das Wohl seiner Mitarbeiter garantieren. Daher sollten vor allem Führungskräfte gut auf sich achten. Was uns bevorsteht ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Wer sich unvorbereitet durchkämpfen möchte, wird scheitern.
Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in der Führung?
Künstliche Intelligenz kann unseren Alltag erleichtern. Sie hilft uns zum Beisiel Mitarbeitergespräche vorzubereiten. Ich glaube jedoch nicht, dass Künstliche Intelligenz die Führung eines Unternehmens übernehmen kann. Menschen folgen Menschen und nicht Maschinen. Kreativität, Intuition, Humor – das alles zeichnet Menschen aus. Wenn ich mich austauschen möchte, jemanden um Rat frage, dann weil ich mehr über seine persönlichen Erfahrungen wissen möchte und nicht weil mich KI-generierte Antworten interessieren.
Sie selbst sind ein erfolgreicher Crossfitathlet und beraten auch Sportler und Vereine. Was kann man in der Führung von der Welt des Sports lernen?
Disziplin – ein Athlet wird nicht erfolgreich sein, wenn er nicht absolut diszipliniert ist. Er achtet auf sich und seinen eigenen Energiehaushalt, um seine Leistung abrufen zu können. Das sollte auch die erste und wichtigste Aufgabe einer Führungskraft sein. Wer soll dir folgen, wenn du selbst nicht die Kraft hast, vorwärts zu gehen?
- Wolfgang Jenewein (56) ist Titularprofessor an der Universität St. Gallen und geschäftsführender Gründer der Jenewein AG in der Schweiz.
- Schwerpunkte seiner Forschung und Lehre sind positive Führung, die kulturelle Transformation von Organisationen sowie die Führung von Hochleistungsteams in Wirtschaft und Sport.
- Er selbst zählt zu den Top 30 Crossfit-Athleten 55plus weltweit.