Judith Mangelsdorf
Judith Mangelsdorf erforscht das Glück und lehrt Positive Psychologie. © Foto: KK/Pixoom
Judith Mangelsdorf

„Glück ist mehr als
das Erreichen von Zielen“

Warum Erfolg und Erfüllung zwei verschiedene Dinge sind und wie Selbstständige den Unterschied erkennen, erklärt die deutsche Glücksforscherin und Professorin für Positive Psychologie Judith Mangelsdorf.

15.04.2026 07:29 - Update am: 15.04.2026 07:30 von Anita Arneitz
Lesezeit 5 Minuten

„Kärntner Wirtschaft“: Jeder ist seines Glückes Schmied ¬ ist da etwas Wahres dran?

Judith Mangelsdorf: Dieses Sprichwort greift viel zu kurz. Ja, wir können Dinge tun, um ein glück­li­cheres Leben zu gestalten. Aber auch die gesell­schaft­liche und politische Situation, in die wir hinein­ge­boren werden, und unsere Gene entscheiden mit darüber, wie wir unser Glück gestalten können.

Was ist der Unter­schied zwischen Erfolg und Erfüllung?

Erfolg ist das Erreichen von Zielen. Das kann kurzfristig glücklich machen und Stolz hervor­rufen. Aber ob mich das langfristig glücklich macht, hängt von vielen Faktoren ab. Erfüllung hingegen ist gleich­zu­setzen mit Sinnerfüllung. Eine der häufigsten Fallen ist, etwas zu verfolgen, worin man gut und erfolg­reich ist, was man aber selbst als sinnfrei erlebt. Das führt dazu, dass Menschen trotz Erfolgs sehr unglücklich werden können.

Kann Umsatz­wachstum auch ein Glücks­ver­hin­derer sein?

Durchaus. Die Forschung spricht hier von abneh­mendem Grenz­nutzen. Solange Umsatz­wachstum bedeutet, dass ich mein Leben anders gestalten kann, etwa meinen Kindern eine bessere Bildung ermög­lichen, hat es einen positiven Zusam­menhang mit Glück. Aber je wohlha­bender ich bereits bin, desto kleiner wird der Unter­schied, den mehr Geld auf das eigene Glück hat. Und Umsatz­wachstum ist häufig mit mehr Arbeitsleis­tung verbunden. Wenn ich plötzlich 60 Stunden die Woche arbeite und kaum noch Zeit für Sport, Familie oder Freunde habe, kann das wirtschaftlich positiv, aber für das tatsäch­liche Lebens­glück negativ sein.

Glücklich wird, wer versucht, zum Glück ­anderer beizu­tragen.Zitat Ende

Judith Mangelsdorf

­Glücks­for­scherin

Welche Warnsi­gnale sollten Selbst­ständige kennen?

Warnsi­gnale sollten immer dann aufleuchten, wenn andere wichtige Säulen des Lebens wegbrechen. Idealer­weise ruht das Glück auf mehreren Säulen: Partner­schaft, Freund­schaften, Gesundheit und eben auch Arbeit. Sobald die Arbeits­säule immer breiter wird und andere darunter leiden, sollte man das infrage stellen. Auch Gesundheit ist ein klarer Indikator. Wenn man merkt, dass man zwar kurzfristig glücklich ist, aber in ruhigen Momenten in ein schwarzes Loch kippt, dann ist das ein klares Zeichen, etwas zu ändern.

Wie schützt man sich vor Selbst­op­ti­mie­rungs­fallen?

Hier gilt es zwischen Selbst­op­ti­mierung und Selbst­ver­wirk­li­chung zu unter­scheiden. Selbst­op­ti­mierung bedeutet, einem meist fremd­be­stimmten Optimum zu entsprechen, also gesell­schaft­lichen Bildern davon, wie ich sein oder wie viel ich verdienen müsste. Das ist die Falle: Es fühlt sich erfolg­reich an und ist gleich­zeitig leer, weil es nichts mit dem Menschen zu tun hat, der ich wirklich bin. Selbst­ver­wirk­li­chung bedeutet hingegen, sich zu fragen: Was erfüllt mein Leben mit Sinn? Was sind meine Werte und Stärken? Wer danach seinen inneren Kompass ausrichtet, ist nicht nur erfolg­reicher, sondern vor allem auch erfüllter.

Wie findet man im Alltag den Weg zurück zu sich selbst?

Eine der kleinsten und wirkungs­vollsten Möglich­keiten ist die Lücke der Übergänge. Immer dann, wenn ich zwischen zwei Tätig­keiten wechsle, das Telefon­ge­spräch beende oder den PC hochfahre, nehme ich mir kurz Zeit für drei tiefe Atemzüge und fühle, was gerade da ist. Es ist nachweislich so, dass dieses kurze Einchecken mit sich selbst deutlich mehr Kontakt zu sich, zum Körper und zum Leben schafft. Wer aller­dings merkt, dass ihm die Leben­digkeit verloren gegangen ist und er innere Leere erlebt, der braucht mehr als kleine Rituale.

Noch ein letzter Tipp?

Der vielleicht wichtigste Befund der Glücks­for­schung ist: Glücklich wird, wer versucht, zum Glück anderer beizu­tragen. Der entschei­dende Faktor ist nicht die Frage „Was kann ich für mich tun?“, sondern das Inves­tieren in ein gemein­sames Glück.

Zur Person
  • Judith Mangelsdorf, geboren 1984 in Berlin, studierte im Doppel­studium Mathe­matik, Musik und ­Diplom-Psycho­logie an der Univer­sität Potsdam. Es folgten unter anderem ­Disser­tation und Fulbright-Stipendium in der USA.
  • 2014 gründete sie die Deutsche Gesell­schaft für Positive Psycho­logie.
  • Heute ist Mangelsdorf ist Deutsch­lands erste volle Profes­sorin für Positive Psycho­logie.
  • In ihrer Freizeit liest sie leiden­schaftlich gerne Fachbücher und schwimmt Langstrecke im See.
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Dieser Artikel ist in Ausgabe 7/26 erschienen.
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