„Glück ist mehr als
das Erreichen von Zielen“
Warum Erfolg und Erfüllung zwei verschiedene Dinge sind und wie Selbstständige den Unterschied erkennen, erklärt die deutsche Glücksforscherin und Professorin für Positive Psychologie Judith Mangelsdorf.
„Kärntner Wirtschaft“: Jeder ist seines Glückes Schmied ¬ ist da etwas Wahres dran?
Judith Mangelsdorf: Dieses Sprichwort greift viel zu kurz. Ja, wir können Dinge tun, um ein glücklicheres Leben zu gestalten. Aber auch die gesellschaftliche und politische Situation, in die wir hineingeboren werden, und unsere Gene entscheiden mit darüber, wie wir unser Glück gestalten können.
Was ist der Unterschied zwischen Erfolg und Erfüllung?
Erfolg ist das Erreichen von Zielen. Das kann kurzfristig glücklich machen und Stolz hervorrufen. Aber ob mich das langfristig glücklich macht, hängt von vielen Faktoren ab. Erfüllung hingegen ist gleichzusetzen mit Sinnerfüllung. Eine der häufigsten Fallen ist, etwas zu verfolgen, worin man gut und erfolgreich ist, was man aber selbst als sinnfrei erlebt. Das führt dazu, dass Menschen trotz Erfolgs sehr unglücklich werden können.
Kann Umsatzwachstum auch ein Glücksverhinderer sein?
Durchaus. Die Forschung spricht hier von abnehmendem Grenznutzen. Solange Umsatzwachstum bedeutet, dass ich mein Leben anders gestalten kann, etwa meinen Kindern eine bessere Bildung ermöglichen, hat es einen positiven Zusammenhang mit Glück. Aber je wohlhabender ich bereits bin, desto kleiner wird der Unterschied, den mehr Geld auf das eigene Glück hat. Und Umsatzwachstum ist häufig mit mehr Arbeitsleistung verbunden. Wenn ich plötzlich 60 Stunden die Woche arbeite und kaum noch Zeit für Sport, Familie oder Freunde habe, kann das wirtschaftlich positiv, aber für das tatsächliche Lebensglück negativ sein.
Glücklich wird, wer versucht, zum Glück anderer beizutragen.
Judith Mangelsdorf
GlücksforscherinWelche Warnsignale sollten Selbstständige kennen?
Warnsignale sollten immer dann aufleuchten, wenn andere wichtige Säulen des Lebens wegbrechen. Idealerweise ruht das Glück auf mehreren Säulen: Partnerschaft, Freundschaften, Gesundheit und eben auch Arbeit. Sobald die Arbeitssäule immer breiter wird und andere darunter leiden, sollte man das infrage stellen. Auch Gesundheit ist ein klarer Indikator. Wenn man merkt, dass man zwar kurzfristig glücklich ist, aber in ruhigen Momenten in ein schwarzes Loch kippt, dann ist das ein klares Zeichen, etwas zu ändern.
Wie schützt man sich vor Selbstoptimierungsfallen?
Hier gilt es zwischen Selbstoptimierung und Selbstverwirklichung zu unterscheiden. Selbstoptimierung bedeutet, einem meist fremdbestimmten Optimum zu entsprechen, also gesellschaftlichen Bildern davon, wie ich sein oder wie viel ich verdienen müsste. Das ist die Falle: Es fühlt sich erfolgreich an und ist gleichzeitig leer, weil es nichts mit dem Menschen zu tun hat, der ich wirklich bin. Selbstverwirklichung bedeutet hingegen, sich zu fragen: Was erfüllt mein Leben mit Sinn? Was sind meine Werte und Stärken? Wer danach seinen inneren Kompass ausrichtet, ist nicht nur erfolgreicher, sondern vor allem auch erfüllter.
Wie findet man im Alltag den Weg zurück zu sich selbst?
Eine der kleinsten und wirkungsvollsten Möglichkeiten ist die Lücke der Übergänge. Immer dann, wenn ich zwischen zwei Tätigkeiten wechsle, das Telefongespräch beende oder den PC hochfahre, nehme ich mir kurz Zeit für drei tiefe Atemzüge und fühle, was gerade da ist. Es ist nachweislich so, dass dieses kurze Einchecken mit sich selbst deutlich mehr Kontakt zu sich, zum Körper und zum Leben schafft. Wer allerdings merkt, dass ihm die Lebendigkeit verloren gegangen ist und er innere Leere erlebt, der braucht mehr als kleine Rituale.
Noch ein letzter Tipp?
Der vielleicht wichtigste Befund der Glücksforschung ist: Glücklich wird, wer versucht, zum Glück anderer beizutragen. Der entscheidende Faktor ist nicht die Frage „Was kann ich für mich tun?“, sondern das Investieren in ein gemeinsames Glück.
- Judith Mangelsdorf, geboren 1984 in Berlin, studierte im Doppelstudium Mathematik, Musik und Diplom-Psychologie an der Universität Potsdam. Es folgten unter anderem Dissertation und Fulbright-Stipendium in der USA.
- 2014 gründete sie die Deutsche Gesellschaft für Positive Psychologie.
- Heute ist Mangelsdorf ist Deutschlands erste volle Professorin für Positive Psychologie.
- In ihrer Freizeit liest sie leidenschaftlich gerne Fachbücher und schwimmt Langstrecke im See.