Der blinde Bergsteiger Andy Holzer will Sehenden die Augen öffnen.
Der blinde Bergsteiger Andy Holzer will Sehenden die Augen öffnen. © Andreas Scharnagl
Andy Holzer

„Verant­wortung zu übernehmen motiviert“

Blind Climber Andy Holzer spricht im Interview über unentdeckte Potenziale.

10.01.2025 10:05 - Update am: 16.01.2025 11:25 von Ines Tebenszky
Lesezeit 5 Minuten

Mit seinen Erfah­rungen will der blinde Bergsteiger Andy Holzer den Sehenden die Augen öffnen, denn er ist überzeugt, dass „sie viel mehr Potenzial in sich haben, als sie glauben“.

„Kärntner Wirtschaft“: Sie waren der erste blinde Bergsteiger, der über die Nordroute den Mount Everest bezwungen hat, haben zig andere Gipfel erklommen, machen jedes Jahr um die 100 Skitouren. Was treibt Sie an?

Andy Holzer: Das Leben treibt mich an, die Neugierde und auch die Erfolgs­er­leb­nisse, wenn ich etwas geschafft habe. Ich kann mir keine Bilder von den Bergen ansehen, aber ich kann hinauf­steigen und sie erfühlen. Das mache ich seit 30 Jahren. Für mich fühlt sich das Leben einfach besser an, wenn mein Körper das macht, wofür er da ist: sich zu bewegen. Dass ich blind bin, das kann ich mir nicht aussuchen, aber ich kann mir aussuchen, was ich damit mache. Menschen sind für Kompro­misse geschaffen und die Berge haben mich gelehrt, flexibel zu sein.

In Ihrem Umfeld gab es ­vermutlich auch Leute, die Ihnen das, was Sie erreicht haben, vorher nicht zugetraut haben. Wie gehen Sie damit um?

Damit habe ich lange gekämpft. Als ich mit dem Bergsteigen begonnen habe, hat es Leute gegeben, die sich das nicht vorstellen konnten. Das ist wie mit Unter­nehmern – die machen auch immer das, was andere sich nicht vorstellen können. Diese Leute meinten, ich würde nach spätes­tens 14 Tagen abstürzen und dann hätte sich die Sache erledigt. Ich gehe unbestritten ein großes Risiko ein, es ist viel passiert, aber ich klettere immer noch. Und die selben Leute von damals sagen heute, dass ich wahrscheinlich gar nicht blind bin. Früher war das ganz schlimm für mich, heute kann ich da­rüber nur lachen.

Wie gehen Sie mit schwie­rigen Situa­tionen um?

Es gibt oft sehr schwierige Situa­tionen, wichtig ist dabei, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Überhaupt nehmen wir alles viel zu wichtig. Es geht nicht darum, ob man Fehler macht oder scheitert, es geht nur darum, dass man zwischen Geburts- und Sterbe­stunde möglichst viele Momente des Glücks erlebt. Es ist wichtig, dass man aufrichtig mit Fehlern umgeht und sich bewusst ist, dass morgen die Welt schon wieder anders ausschaut.

Braucht es das auch, um seine Ziele zu erreichen?

Keine Frage. Man hat dadurch eine andere Ausstrahlung, man bekommt eine gewisse Leicht­fü­ßigkeit. Denn unser Umfeld ist das Spiegelbild von dem, was wir ausstrahlen. Zudem muss den Menschen bewusst werden, dass sie viel mehr Potenzial in sich haben, als sie glauben.

Wie lassen sich Ihre Erfah­rungen aus dem Bergsteigen auf den unter­neh­me­ri­schen Alltag umlegen?

Ich bin ja auch Unter­nehmer und deshalb kann ich sagen: zu 100 Prozent. Rein strate­gisch gesehen muss man ganz anders denken.Wenn man in einer 1000 Meter hohen Felswand eine Entscheidung treffen muss, ist kein anderer da, der deinen Fehler abfängt, da steht man immer selbst ganz vorne und trägt die Verant­wortung. Die Verant­wortung ist es auch, die in einem Unter­nehmen beflü­gelnd wirkt. Unter­nehmen, die Lehrlinge ausbilden, rate ich immer: Gebt ihnen möglichst schnell das Gefühl, dass es auf sie ankommt, gebt ihnen den Hebel der Verant­wortung in die Hand – das motiviert.

In Ihrem Buch „Mein Everest. Blind nach ganz oben“ sagen Sie: „Jeder hat seinen Everest.“ Was ist das Wichtigste, um ihn zu bezwingen?

Das Wichtigste ist, ihn überhaupt zu erkennen. Viele Menschen scheitern daran, ihren eigenen Everest zu finden, laufen orien­tie­rungslos herum. Da sollte man sich an kleinen Kindern orien­tieren – die haben immer ein Projekt, einen Everest, etwas das sie machen wollen. Hat man seinen Traum, seinen Everest gefunden, muss man sich darauf auch einlassen und darf nicht nur darüber reden. Es gibt natürlich Leute, die hinauf­steigen und scheitern, das ist aber nur das Zweit­schlimmste. Das Schlimmste ist, überhaupt nicht hinauf­zu­steigen.

Andy Holzer
  • Andy Holzer (56) aus Lienz ist von Geburt an blind.
  • Nach der Schule absol­vierte er eine Ausbildung zum Heilmasseur und Heilba­de­meister.
  • Vor rund 30 Jahren begann er mit dem Bergsteigen und wurde als „blind climber“ weltweit bekannt.
  • 2017 bezwang er als ers­ter blinder Mensch den Mount Everest über die Nordroute.
  • Seine Erfah­rungen gibt er im Buch „Mein Everest. Blind nach ganz oben“ ­sowie in Vorträgen weiter, um „den Sehenden die ­Augen zu öffnen“.
Zur Person
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Dieser Artikel ist in Ausgabe 9/23 erschienen.
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