„Chancen
erkennen und mutig handeln“
Herbert Henzler über den demografischen Wandel, Europas Wettbewerbsfähigkeit und die Chancen der nächsten Generation.
„Kärntner Wirtschaft“: Warum ist das Versprechen, dass es der nächsten Generation einmal besser gehen wird, heute nicht mehr selbstverständlich?
Herbert Henzler: Weil sich die demografischen Grundlagen grundlegend verändert haben. In Europa bekommen wir wenig Nachwuchs, gleichzeitig steigt die Lebenserwartung kontinuierlich. Immer weniger Erwerbstätige müssen für immer mehr Rentner und Pflegebedürftige aufkommen. Dadurch verschiebt sich die Verteilung des Wohlstands zunehmend zugunsten der älteren Generation. Die Vorstellung, dass es den Kindern automatisch besser gehen wird als ihren Eltern, ist deshalb nicht mehr selbstverständlich.
Leben wir in Europa zunehmend auf Kosten unserer Kinder und Enkel?
Ja, in gewisser Weise haben wir uns entspart. Wir verbrauchen heute Wohlstand, der eigentlich auch den kommenden Generationen zugutekommen sollte. Die finanziellen Verpflichtungen aus Pensionen, Pflege und Sozialleistungen wachsen ständig. Dadurch bleibt für Investitionen in Zukunftsthemen wie Bildung, Innovation oder Infrastruktur immer weniger übrig.
Wird in Österreich und Deutschland zu wenig über Leistung, Eigenverantwortung und Wettbewerbsfähigkeit gesprochen?
Wir sind in vielen Bereichen zu einer hedonistischen Gesellschaft geworden. Das Mindset vieler Menschen ist davon geprägt, dass der Staat für nahezu alle Lebenslagen zuständig sein soll. Gleichzeitig steigt damit aber auch die Erwartungshaltung gegenüber dem Staat. Leistung, Eigenverantwortung und unternehmerisches Denken sind dadurch in den Hintergrund geraten.
Sie kennen die USA und Europa aus jahrzehntelanger Erfahrung. Wo liegen die größten Unterschiede beim Umgang mit Wachstum und Leistung?
In den USA wird Leistung deutlich stärker sichtbar gemacht und belohnt. Dort erfahren Menschen schon früh, wo sie im Vergleich zu anderen stehen. Gute Leistungen werden anerkannt und ausgezeichnet. In Europa versuchen wir dagegen oft, Unterschiede zu nivellieren, um niemanden zu benachteiligen. Das ist gut gemeint, kann aber dazu führen, dass Leistungsanreize verloren gehen.
Die Herausforderungen sind größer geworden, aber die Chancen ebenfalls.
Herbert Henzler
UnternehmensberaterHat Europa den Fokus zu stark von Wachstum auf Verteilung verschoben?
Europa setzt traditionell stärker auf faire Verteilung und soziale Absicherung, während die USA stärker auf Wachstum und Innovation fokussiert sind. Die Herausforderung besteht darin, das Beste aus beiden Welten zu verbinden. Skandinavische Länder zeigen, dass hohe Lebensqualität, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit durchaus zusammengehen können.
Welche Rolle spielen Unternehmertum und Risikobereitschaft für die Zukunft Europas?
Eine entscheidende. Unternehmertum genießt in Europa traditionell nicht den gleichen Stellenwert wie etwa in den USA. Über Generationen hinweg wurde vieles an den Staat delegiert – von der Altersvorsorge bis zur sozialen Absicherung. Dadurch ist ein Teil des unternehmerischen Denkens verlorengegangen. Wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir Innovation, Risiko und Eigeninitiative wieder stärker wertschätzen.
Was geben Sie jungen Unternehmerinnen und Unternehmern mit auf den Weg?
Die Herausforderungen sind größer geworden, aber die Chancen ebenfalls. Noch nie war es so einfach, aus einer guten Idee ein erfolgreiches Geschäftsmodell zu machen. Allein in Deutschland werden viele registrierte Patente nie wirtschaftlich genutzt. Mein Rat lautet daher: Chancen erkennen, mutig handeln und Ideen konsequent kommerzialisieren. Darin liegt enormes Potenzial.
- Herbert Henzler (84) zählt zu den bekanntesten deutschen Wirtschaftsmanagern und Unternehmensberatern. Internationale Bekanntheit erlangte er als langjähriger Deutschland-Chef von McKinsey.
- Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler beriet über Jahrzehnte Unternehmen, Regierungen und Institutionen in Fragen der Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und Wirtschaftspolitik. Heute lehrt er an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
- Aktuelles Buch: „Ihr solltet es einmal besser haben“.