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Durch jahrelanges Delegieren an den Staat ist ­unternehmerisches Denken teilweise verloren gegangen, ist Herbert Henzler überzeugt. © Sauter
Herbert Henzler

„Chancen
­erkennen und mutig handeln“

Herbert Henzler über den demografischen Wandel, Europas Wettbewerbsfähigkeit und die Chancen der nächsten Generation.

26.06.2026 07:33 - Update am: 26.06.2026 07:33 von Johannes Moser
Lesezeit 4 Minuten

„Kärntner Wirtschaft“: ­Warum ist das Versprechen, dass es der nächsten Generation einmal besser gehen wird, heute nicht mehr selbst­ver­ständlich?

Herbert Henzler: Weil sich die demogra­fi­schen Grund­lagen grund­legend verändert haben. In Europa bekommen wir wenig Nachwuchs, gleich­zeitig steigt die Lebens­er­wartung konti­nu­ierlich. Immer weniger Erwerbs­tätige müssen für immer mehr Rentner und Pflege­be­dürftige aufkommen. Dadurch verschiebt sich die Verteilung des Wohlstands zunehmend zugunsten der älteren Generation. Die Vorstellung, dass es den Kindern automa­tisch besser gehen wird als ihren Eltern, ist deshalb nicht mehr selbst­ver­ständlich.

Leben wir in Europa zunehmend auf Kosten unserer Kinder und Enkel?

Ja, in gewisser Weise haben wir uns entspart. Wir verbrauchen heute Wohlstand, der eigentlich auch den kommenden Genera­tionen zugute­kommen sollte. Die finan­zi­ellen Verpflich­tungen aus Pensionen, Pflege und Sozialleis­tungen wachsen ständig. Dadurch bleibt für Inves­ti­tionen in Zukunfts­themen wie Bildung, Innovation oder Infra­struktur immer weniger übrig.

Wird in Öster­reich und Deutschland zu wenig über Leistung, Eigen­ver­ant­wortung und Wettbe­werbs­fä­higkeit gesprochen?

Wir sind in vielen Bereichen zu einer hedonis­ti­schen Gesell­schaft geworden. Das Mindset vieler Menschen ist davon geprägt, dass der Staat für nahezu alle Lebens­lagen zuständig sein soll. Gleich­zeitig steigt damit aber auch die Erwar­tungs­haltung gegenüber dem Staat. Leis­tung, Eigen­ver­ant­wortung und unter­neh­me­ri­sches Denken sind dadurch in den Hinter­grund geraten.

Sie kennen die USA und ­Europa aus jahrzehn­te­langer Erfahrung. Wo liegen die größten Unter­schiede beim Umgang mit Wachstum und Leistung?

In den USA wird Leistung deutlich stärker sichtbar gemacht und belohnt. Dort erfahren Menschen schon früh, wo sie im Vergleich zu anderen stehen. Gute Leistungen werden anerkannt und ausge­zeichnet. In Europa versuchen wir dagegen oft, Unter­schiede zu nivel­lieren, um niemanden zu benach­tei­ligen. Das ist gut gemeint, kann aber dazu führen, dass Leistungs­an­reize verloren gehen.

Die Heraus­for­de­rungen sind größer geworden, aber die Chancen ebenfalls.Zitat Ende

Herbert Henzler

Unter­neh­mens­be­rater

Hat Europa den Fokus zu stark von Wachstum auf ­Verteilung verschoben?

Europa setzt tradi­tionell stärker auf faire Verteilung und soziale Absicherung, während die USA stärker auf Wachstum und Innovation fokus­siert sind. Die Heraus­for­derung besteht darin, das Beste aus beiden Welten zu verbinden. Skandi­na­vische Länder zeigen, dass hohe Lebens­qua­lität, soziale Gerech­tigkeit und wirtschaft­liche Leistungs­fä­higkeit durchaus zusam­men­gehen können.

Welche Rolle spielen Unter­neh­mertum und Risiko­bereitschaft für die Zukunft Europas?

Eine entschei­dende. Unter­neh­mertum genießt in Europa tradi­tionell nicht den gleichen Stellenwert wie etwa in den USA. Über Genera­tionen hinweg wurde vieles an den Staat delegiert – von der Alters­vor­sorge bis zur sozialen Absicherung. Dadurch ist ein Teil des unter­neh­me­ri­schen Denkens verlo­ren­ge­gangen. Wenn wir wettbe­werbs­fähig bleiben wollen, müssen wir Innovation, Risiko und Eigen­in­itiative wieder stärker wertschätzen.

Was geben Sie jungen Unter­neh­me­rinnen und Unter­nehmern mit auf den Weg?

Die Heraus­for­de­rungen sind größer geworden, aber die Chancen ebenfalls. Noch nie war es so einfach, aus einer guten Idee ein erfolg­reiches Geschäfts­modell zu machen. Allein in Deutschland werden viele regis­trierte Patente nie wirtschaftlich genutzt. Mein Rat lautet daher: Chancen erkennen, mutig handeln und Ideen konse­quent kommer­zia­li­sieren. Darin liegt enormes Potenzial.

Zur Person
  • Herbert Henzler (84) zählt zu den bekann­testen deutschen Wirtschafts­ma­nagern und Unter­neh­mens­be­ratern. Inter­na­tionale Bekanntheit erlangte er als langjäh­riger Deutschland-Chef von McKinsey.
  • Der promo­vierte Wirtschafts­wis­sen­schaftler beriet über Jahrzehnte Unter­nehmen, Regie­rungen und Insti­tu­tionen in Fragen der Wettbe­werbs­fä­higkeit, Innovation und Wirtschafts­po­litik. Heute lehrt er an der Ludwig-Maximi­lians-Univer­sität München.
  • Aktuelles Buch: „Ihr solltet es einmal besser haben“.
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Dieser Artikel ist in Ausgabe 12/26 erschienen.
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