„Storytelling ist
notwendig fürs Überleben“
Warum selbst kleine Unternehmen ihre Geschichte erzählen müssen und wie man damit anfängt, erklärt Business-Coach und Kommunikationstrainerin Anja Timmermann.
„Kärntner Wirtschaft“: Was versteht man eigentlich unter Storytelling?
Anja Timmermann: Ich sage Storytelling statt erzählen und betone damit bewusst den funktionalen Einsatz von narrativen Formaten, wie etwa im Journalismus, um Abstraktes besser vermitteln zu können. Anders als beim bloßen Präsentieren von Fakten erzählen wir die Handlungen und Ereignisse nach, die dazu geführt haben, vermitteln Sinn und Bedeutung. Dieses Format ist menschlich, weil sich Fakten in unseren neuronalen Netzen ohnehin wie in einer Nacherzählung anordnen.
Woran erkennt man eine gute Story?
Sie wird gerne gehört oder gelesen, erinnert und weitererzählt. Sie berührt und sie bewegt. Eine gute Story hat verschiedene Schichten: Die äußere formale Geschichte wie bei „Herr der Ringe“, wo Frodo den Ring ins Feuer werfen muss. Dann die innere Entwicklungsaufgabe: Frodo muss Freundschaft lernen. Und schließlich die Auswirkung auf die Umwelt: Frieden. Ganz wichtig: Es geht immer um Veränderung. Der Zustand am Ende muss signifikant anders sein als am Anfang.
Warum tun sich Selbstständige so schwer damit, ihre Geschichte zu erzählen?
Wir sind in einer komplexen Welt und müssen Komplexes über ein komplexes Medium mit Komplexem verbinden. Dazu kommt dieses typisch deutsche Denken: Es muss sofort perfekt sein. Das ist kontraproduktiv. Viel besser ist es, wie ein Designer zu denken: Erst einen Entwurf machen, dann Leute fragen und langsam verfeinern.
In jeder guten Story muss Mut als Zutat drin sein. Sonst interessiert es keinen.
Anja Timmermann
Business-CoachGibt es ein Erfolgsrezept für gute Geschichten?
Es gibt grobe Formeln wie „Anfang, Mitte, Ende“ oder die STAR-Formel: Situation, Task, Action, Result. Ich habe noch ein T angefügt für Transfer, also den Call to Action. Aber zu eng zugeschnürte Rezepte funktionieren nicht. Das Schöne an Geschichten ist ja gerade, dass sie einzigartig sind. Die wichtigen Elemente müssen drin sein, dann testet man die Geschichte und fragt seine ersten Leser: War es spannend? Hat dich das berührt?
Sie erwähnen oft das Thema Mut. Wie hängt das zusammen?
In jeder guten Story gibt es einen Helden, der eine mutige Entscheidung treffen muss, dann aber auch Freunde findet. Wenn Mut als Zutat in meinem Projekt nicht drin ist, interessiert es auch keinen. Das ist ja das Problem mit Jahresberichten – da ist kein Leben drin, keine Intention, keine subjektive Perspektive. Man muss sich wieder daran erinnern, was man vermitteln und wen man wozu bewegen will.
Was bedeutet das konkret für kleine Unternehmen?
In dieser digitalisierten, KI-geboosteten Wissensgesellschaft ist es ganz wichtig, dass Vertrauen zu Personen aufgebaut wird. Über 50 Prozent der Texte werden 2026 schon mit KI generiert sein. Deshalb: Verstecken Sie sich nicht hinter Stockbildern oder KI-Texten. Zeigen Sie echte Menschen aus dem Unternehmen. Trauen Sie sich, persönlich aufzutreten.
Warum sind Geschichten für die Gesellschaft wichtig?
Sie verbinden uns. Das geht zurück bis zu den ersten Höhlenzeichnungen. Menschen mussten zusammenarbeiten, um komplexe Herausforderungen zu lösen und zu überleben. Dafür brauchen wir Vertrauen und müssen erkennen: Freund oder Feind? Geteilte Narrative machen eine Kultur aus. Gerade heute, da wir KI haben, ist das wichtig: Storys verbinden das Wissen der Menschen, weil sie aufgenommen, erinnert und weitergegeben werden können.
- Anja Timmermann, geboren 1973 in Göttingen, lebt heute mit ihrer internationalen Familie abwechselnd in der Metropolregion Hamburg und in Kolumbien.
- Als Story-Coach für Experten und promovierte Historikerin begleitet sie Selbstständige, Organisationen und Unternehmen bei ihrer Kommunikation.
- Sie ist Gründerin des Storytelling-Symposiums, das jährlich stattfindet.
- Aktuell arbeitet sie an einem Buch über narrative Kriterien für Storytelling.
- In ihrer Freizeit erzählt sie ihre eigenen Geschichten auf Storytelling-Bühnen.
5.
Der Zwick