„Mitwachsen statt über den Kopf wachsen lassen“
Stefan Merath über Thai Ki San, Krisen und Entscheidungen.
Unternehmenscoach Stefan Merath erklärt, was es heißt, innere Stärke im Business zu entwickeln, warum Flow im Team unschlagbar macht – und wie Unternehmer aufhören, Gefangene ihres eigenen Betriebs zu sein.
„Kärntner Wirtschaft“: Sie bezeichnen sich als „Schwarzgurt-Unternehmer“. Was bedeutet das?
Stefan Merath: Im Kampfsport lernt man zuerst Techniken, Abläufe und Disziplin – und das in einer dem Schwierigkeitsgrad entsprechenden Reihenfolge. Genauso gibt es aber einen inneren Weg. Wer nach seinem ersten Schlag im Affekt oder aus der Angst heraus handelt, macht entsprechend leichter Fehler. Genauso ist es im Unternehmertum. Ein „Schwarzgurt-Unternehmer“ bringt seine Seele im Unternehmen zum Ausdruck, lebt innere Ruhe auch in Krisen und bereichert mit seinem Tun das Leben seiner Mitarbeitenden und Kunden. Wer diesen Zustand erreicht, reagiert nicht mehr panisch auf Herausforderungen, sondern stellt sich auch im Krisenfall die richtigen Fragen wie „Was können wir in dieser Situation für uns und unsere Kunden tun?“.
Sie haben den schwarzen Gürtel im Kampfsport Thai Ki San – sehen Sie Parallelen zur Unternehmensführung?
Ja, sehr viele. Im Kampfsport trainiert man systematisch: Technik für Technik, Schritt für Schritt. Auch Unternehmer müssen die Grundlagen zuerst beherrschen, bevor komplexere Themen kommen. Und man lernt, mit Rückschlägen umzugehen. Wenn man einen Schlag einsteckt, darf man nicht erstarren – im Business ist das ähnlich: Wenn etwa die Finanzen nicht stimmen, ist entscheidend, wie man damit umgeht. Ein großes Ziel ist das Erreichen eines „Flow-Zustandes“.
Wie kommt man in diesen „Flow-Zustand“?
Erfüllung entsteht durchs Tätigsein. Wer voll in seiner Aufgabe aufgeht, verschmilzt mit ihr. Flow kann man auch im Team erzeugen: Wenn alle in dieselbe Richtung arbeiten, steigern sich Produktivität, Freude und Erfüllung. Dann wird das Team unschlagbar.
In Kärnten sind viele Betriebe familiengeführt. Warum ist dieses Modell besonders spannend für kleinere Unternehmen?
Familiengeführte Betriebe haben kurze Entscheidungswege und eine starke Identifikation mit dem, was sie tun. Unsere Zielgruppe sind Unternehmerinnen und Unternehmer mit drei bis hundert Mitarbeitenden – also genau diese inhabergeführten Strukturen.
Wenn man einen Schlag einsteckt, darf man nicht erstarren.
Stefan Merath
UnternehmenscoachWie schafft man es da neben dem Tagesgeschäft trotzdem, strategisch zu denken?
Das gelingt nur, wenn man die drei Rollen des Unternehmers versteht: Fachkraft, Manager und Unternehmer. Anfangs ist man alles in einem. Ab etwa fünf bis sieben Mitarbeitenden sollte man die Fachkraft-Rolle schrittweise abgeben. Nur wer Management- und Unternehmeraufgaben übernimmt, gewinnt Zeit für Strategie und Zukunftsvisionen. In meinem eigenen Unternehmen mit 18 Mitarbeitenden und 25 freien Coaches arbeite ich nur noch rund 50 Tage operativ in Vorträgen oder Kursen – der Rest ist strategische Arbeit. Das Ergebnis: Wir wurden viermal als Great Place to Work ausgezeichnet und zählen zu den besten KMU Deutschlands.
Sie selbst haben auch Krisen erlebt. Was raten Sie anderen, die innerlich auf der Stelle treten?
Der wichtigste Schritt ist, sich auszutauschen – mit anderen Unternehmern, die ähnliche Herausforderungen kennen. Viele schmoren zu sehr im eigenen Saft. Erst im ehrlichen Austausch merkt man, wo man sich selbst bremst. Voraussetzung ist hier Offenheit in der Kommunikation. Nach einer Stunde offener Gespräche erzählen Menschen Dinge, die sie sonst niemandem sagen würden. Diese Offenheit braucht es, um sich Hilfe zu holen. Ich selbst habe nach meiner Insolvenz erlebt, wie viele auf mich zukamen und sagten: „Respekt, dass du so ehrlich damit umgehst.“
Sie sagen, Unternehmer sollten keine Gefangenen ihres eigenen Betriebs sein. Wie bricht man das auf?
Der einfachste Weg ist, sich von außen Impulse zu holen. Dort liegt die Umsetzungsquote bei rund 90 Prozent. Wer es allein angehen will, sollte ehrlich prüfen: Wie viel Zeit verbringe ich in welcher Rolle? Und: Welche Aufgabe kann ich am leichtesten abgeben, um Freiraum zu schaffen? Wenn ein Unternehmen wächst, hast du zwei Möglichkeiten: Du wächst mit – oder du siehst zu, wie dir dein Unternehmen über den Kopf wächst. Diese Entscheidung kannst du jeden Tag neu treffen.
- Stefan Merath (61) ist Unternehmer, Buchautor und gilt als einer von Deutschlands erfolgreichsten Unternehmercoaches.
- 2007 gründete er „Unternehmercoach“. Zuvor leitete er ein IT-Unternehmen und entwickelte durch seine Learnings über das Scheitern sein heutiges Geschäftsmodell: sich persönlich und unternehmerisch weiterzuentwickeln und dadurch ihr Unternehmen erfolgreich zu machen.
- Aktuelle Publikation: „Die Schwarzgut-Unternehmer: Das letzte Geheimnis der leichten, menschlichen und wirksamen Unternehmensführung“, GABAL Verlag, 2024