„Kritisch denken ist der beste Lügendetektor“
Warum Lügen weit schwieriger zu erkennen sind als viele glauben, welche Rolle sie im Wirtschaftsleben spielen und weshalb Unternehmen eine offene Fehlerkultur brauchen, erklärt Wirtschaftsrechtler und Vernehmungsexperte Michael Saller.
„Kärntner Wirtschaft“: Sie sagen, dass viele Vorstellungen über das Erkennen von Lügen falsch sind. Welcher Irrtum hält sich hartnäckig?
Michael Saller: Viele glauben, Lügner würden den Blickkontakt vermeiden oder sich durch ihre Körpersprache verraten. Das stimmt nicht. Wer lügt, weiß oft genau um diese Klischees und bemüht sich sogar besonders, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Es gibt kein einzelnes Merkmal, an dem man eine Lüge sicher erkennt.
Woran erkennt man sie dann?
Vor allem durch kritisches Nachfragen. Gute Ermittler verlassen sich nie auf ihr Bauchgefühl, sondern prüfen Aussagen auf Widersprüche und verifizieren wichtige Informationen. Das ist deutlich zuverlässiger als jede vermeintliche Körpersprache.
Aus welchen Motiven wird am häufigsten gelogen?
Menschen lügen meist, um Vorteile zu erzielen oder Nachteile zu vermeiden. Das beginnt im Bewerbungsgespräch, setzt sich bei Vertragsverhandlungen fort und reicht bis zum Vertuschen eigenen Fehlverhaltens. Wer eine Lüge verstehen möchte, sollte deshalb immer zuerst nach dem Motiv fragen.
Welche Rolle spielen Lügen im Wirtschaftsleben?
Eine größere, als viele vermuten. In Verhandlungen wird etwa behauptet, es gebe bessere Konkurrenzangebote oder gestiegene Kosten. Auch Aussagen wie „Ich muss das erst mit der Geschäftsführung abstimmen“ können taktisch eingesetzt werden. Deshalb gilt: Freundlich zuhören, aber entscheidende Aussagen nachprüfen. Das gilt auch für Bewerbungssituationen.
Das Weglassen von Informationen ist häufiger als das Lügen.
Michael Saller
VernehmungsexperteWelche Warnsignale sollten Führungskräfte ernst nehmen?
Viel häufiger als das aktive Lügen ist das bewusste Weglassen von Informationen. Wenn jemand plötzlich ungewöhnlich knapp antwortet, ausweicht oder Andeutungen macht, sollte man nachfragen. Unklare Aussagen einfach stehen zu lassen, ist oft der größte Fehler.
Kann eine Unternehmenskultur entstehen, in der Mitarbeiter lieber lügen als offen Probleme anzusprechen?
Ja. Wenn Fehler sofort sanktioniert werden oder unrealistische Ziele herrschen, steigt die Versuchung, Probleme zu verschweigen. Unternehmen sollten deshalb eine Kultur schaffen, in der Misserfolge offen angesprochen werden können. Gleichzeitig braucht es ein gesundes Maß an Kontrolle und klare Ansprechpersonen, etwa über Whistleblower-Systeme.
Erleben wir derzeit eine Zeit, in der Fakten und Wahrheit an Bedeutung verlieren?
Ein Stück weit schon. Viele Menschen beziehen ihre Informationen heute hauptsächlich über soziale Medien. Gleichzeitig ist das Vertrauen in klassische Medien gesunken. Dadurch wächst die Tendenz, vor allem das zu glauben, was das eigene Weltbild bestätigt.
Warum fallen Menschen wieder auf Lügen herein?
Weil wir anderen grundsätzlich vertrauen möchten. Das ist menschlich und im Alltag auch sinnvoll. Problematisch wird es erst, wenn wir aufhören, wichtige Aussagen kritisch zu hinterfragen.
Welchen Rat geben Sie Unternehmerinnen und Unternehmern mit?
Verlassen Sie sich nie ausschließlich auf Ihr Gefühl. Stellen Sie gezielte Nachfragen, prüfen Sie entscheidende Informationen nach und überlegen Sie immer, welches Interesse Ihr Gegenüber an einer bestimmten Aussage haben könnte. Kritisches Denken ist der beste Schutz vor folgenschweren Täuschungen.
- Michael Saller ist Professor für Wirtschaftsrecht an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena und Special Counsel in einer internationalen Wirtschaftskanzlei.
- Der promovierte Jurist war unter anderem als Ermittler beim Bundeskartellamt tätig und beschäftigt sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit Vernehmungstechniken, Verhandlungsführung und der Psychologie von Täuschungen.
- Sein Buch „Erzähl mir alles“ wurde zum Bestseller. Am 1. September erscheint „Lügen. Wie sie wirken und wie wir sie durchschauen“.