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Auf die Körpersprache zu achten sei kein sicheres Mittel, um Lügen zu erkennen – kritisches Denken und Nachfragen schon, ist Michael Saller überzeugt. © privat
Michael Saller

„Kritisch denken ist der beste ­Lügen­de­tektor“

Warum Lügen weit schwieriger zu erkennen sind als viele glauben, welche Rolle sie im Wirtschaftsleben spielen und weshalb Unternehmen eine offene Fehlerkultur brauchen, erklärt Wirtschaftsrechtler und Vernehmungsexperte Michael Saller.

21.08.2026 09:46 von Johannes Moser
Lesezeit 5 Minuten

„Kärntner Wirtschaft“: Sie sagen, dass viele Vorstel­lungen über das Erkennen von Lügen falsch sind. Welcher Irrtum hält sich hartnäckig?


Michael Saller: Viele glauben, Lügner würden den Blick­kontakt vermeiden oder sich durch ihre Körper­sprache verraten. Das stimmt nicht. Wer lügt, weiß oft genau um diese Klischees und bemüht sich sogar besonders, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Es gibt kein einzelnes Merkmal, an dem man eine Lüge sicher erkennt.

Woran erkennt man sie dann?


Vor allem durch kriti­sches Nachfragen. Gute Ermittler verlassen sich nie auf ihr Bauch­gefühl, sondern prüfen Aussagen auf Wider­sprüche und verifi­zieren wichtige Infor­ma­tionen. Das ist deutlich zuver­läs­siger als jede vermeint­liche Körper­sprache.

Aus welchen Motiven wird am häufigsten gelogen?


Menschen lügen meist, um Vorteile zu erzielen oder Nachteile zu vermeiden. Das beginnt im Bewer­bungs­ge­spräch, setzt sich bei Vertrags­ver­hand­lungen fort und reicht bis zum Vertu­schen eigenen Fehlver­haltens. Wer eine Lüge verstehen möchte, sollte deshalb immer zuerst nach dem Motiv fragen.

Welche Rolle spielen Lügen im Wirtschafts­leben?


Eine größere, als viele vermuten. In Verhand­lungen wird etwa behauptet, es gebe bessere Konkur­renz­an­gebote oder gestiegene Kos­ten. Auch Aussagen wie „Ich muss das erst mit der Geschäfts­führung abstimmen“ können taktisch einge­setzt werden. Deshalb gilt: Freundlich zuhören, aber entschei­dende Aussagen nachprüfen. Das gilt auch für Bewer­bungs­si­tua­tionen.

Das Weglassen von Infor­ma­tionen ist häufiger als das Lügen.Zitat Ende

Michael Saller

Verneh­mungs­experte

Welche Warnsi­gnale sollten Führungs­kräfte ernst ­nehmen?


Viel häufiger als das aktive Lügen ist das bewusste Weglassen von Infor­ma­tionen. Wenn jemand plötzlich ungewöhnlich knapp antwortet, ausweicht oder Andeu­tungen macht, sollte man nachfragen. Unklare Aussagen einfach stehen zu lassen, ist oft der größte Fehler.

Kann eine Unter­neh­mens­kultur entstehen, in der Mitar­beiter lieber lügen als offen Probleme anzusprechen?


Ja. Wenn Fehler sofort sanktio­niert werden oder unrea­lis­tische Ziele herrschen, steigt die Versu­chung, Probleme zu verschweigen. Unter­nehmen sollten deshalb eine Kultur schaffen, in der Miss­erfolge offen angesprochen werden können. Gleich­zeitig braucht es ein gesundes Maß an Kontrolle und klare Ansprech­per­sonen, etwa über Whist­le­b­lower-Sys­teme.

Erleben wir derzeit eine Zeit, in der Fakten und Wahrheit an Bedeutung verlieren?


Ein Stück weit schon. Viele Menschen beziehen ihre Infor­ma­tionen heute haupt­sächlich über soziale Medien. Gleich­zeitig ist das Vertrauen in klassische Medien gesunken. Dadurch wächst die Tendenz, vor allem das zu glauben, was das eigene Weltbild bestätigt.

Warum fallen Menschen wieder auf Lügen herein?


Weil wir anderen grund­sätzlich vertrauen möchten. Das ist menschlich und im Alltag auch sinnvoll. Proble­ma­tisch wird es erst, wenn wir aufhören, wichtige Aussagen kritisch zu hinter­fragen.

Welchen Rat geben Sie ­Unter­neh­me­rinnen und ­Unter­nehmern mit?


Verlassen Sie sich nie ausschließlich auf Ihr Gefühl. Stellen Sie gezielte Nachfragen, prüfen Sie entschei­dende Infor­ma­tionen nach und überlegen Sie immer, welches Interesse Ihr Gegenüber an einer bestimmten Aussage haben könnte. Kriti­sches Denken ist der beste Schutz vor folgen­schweren Täuschungen.

Zur Person
  • Michael Saller ist Professor für Wirtschafts­recht an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena und Special Counsel in einer inter­na­tio­nalen Wirtschafts­kanzlei.
  • Der promo­vierte Jurist war unter anderem als Ermittler beim Bundes­kar­tellamt tätig und beschäftigt sich seit vielen Jahren wissen­schaftlich mit Verneh­mungs­tech­niken, Verhand­lungs­führung und der Psycho­logie von Täuschungen.
  • Sein Buch „Erzähl mir alles“ wurde zum Bestseller. Am 1. September erscheint „Lügen. Wie sie wirken und wie wir sie durch­schauen“.
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Dieser Artikel ist in Ausgabe 16/26 erschienen.
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