Susanne Strobach ist Mediatorin und Gründerin der Achtsamkeits-Akademie in Wien. © KK
Susanne Strobach

„Achtsamkeit ist keine Entspan­nungs­technik“

Weg von Ablenkung, Ineffizienz und dem Funktionieren im Autopiloten: Unternehmerin und Achtsamkeitsexpertin Strobach erklärt im Gespräch mit der „Kärntner Wirtschaft“, warum Fokus trainierbar ist, wie Multitasking unserem Gehirn schadet und was jeder und jede schon morgen im Arbeitsalltag ausprobieren kann.

04.08.2026 07:34 - Update am: 04.08.2026 08:55 von Anita Arneitz
Lesezeit 4 Minuten

„Kärntner Wirtschaft“: Was bedeutet Achtsamkeit für Sie im unter­neh­me­ri­schen Kontext?

Susanne Strobach: Der wichtigste Punkt vorweg: Achtsamkeit ist keine Entspan­nungs­technik. Das ist der große Irrtum, der sich hartnäckig hält. Achtsamkeit ist in Wahrheit ein Training des Geistes, also die Fähigkeit, den Fokus bei einer Sache oder Person zu halten, anstatt gedanklich woanders zu sein. Gerade im unter­neh­me­ri­schen Kontext bringt uns das enorm viel: Wer konzen­trierter und länger fokus­siert arbeiten kann, macht weniger Fehler und ist effizi­enter. Die Entspannung, die sich dabei einstellt, ist ein willkom­mener Neben­effekt, aber nie die eigent­liche Absicht. Mir geht es immer darum, wie ich das in den Wahnsinn des Alltags integrieren kann, nicht nur auf dem Medita­ti­ons­kissen oder im Retreat, so schön das auch ist.

Ständige Ablenkung durch Smart­phone, Tablet und Co.: Ist Multi­tasking im Arbeits­alltag schon zu einem Problem geworden?

Auf jeden Fall. Unser Gehirn kann gar nicht multi­tasken. Es entstehen Fehler, die Zeit, Nerven und manchmal auch Vertrauen kosten. Es geht also darum, wegzu­kommen vom bloßen Reagieren auf äußere Reize und statt­dessen wieder aus der eigenen Mitte heraus zu agieren.

Was sagt die Wissen­schaft dazu? Gibt es belastbare Belege für die Wirkung von Achtsamkeit und Meditation?

Ja, und genau das ist auch die Basis unserer Arbeit, wir stützen uns dabei stark auf die Neuro­wis­sen­schaften. Unter­su­chungen zeigen unter anderem eine Stärkung des Immun­systems, höhere Zufrie­denheit am Arbeits­platz und weniger Kranken­stände. Auch die Teamfä­higkeit steigt, ebenso die Fähigkeit, klar zwischen Wichtigem und Unwich­tigem zu unter­scheiden. Inter­essant ist auch: Die Kreati­vität nimmt zu, gerade bei der Problem­lösung, und es gibt weniger Konflikte in und zwischen Teams. Innerhalb von zwölf Monaten regel­mä­ßiger Praxis steigt nachweislich auch die Fähigkeit, äußerem Druck besser stand­zu­halten. Insgesamt profi­tieren Lebens­qua­lität, Motivation und die innere Balance spürbar davon. Deshalb haben wir vor zehn Jahren auch begonnen, das wissen­schaftlich fundiert in Form von Master­stu­di­en­lehr­gängen in Öster­reich zu etablieren. Das war eine echte Heraus­for­derung, aber es ist uns gelungen.

Haben Sie einen konkreten Tipp, den man ganz einfach im Arbeits­alltag auspro­bieren kann?

Ein wichtiger Grund­ge­danke dahinter: Man unter­scheidet formale und infor­melle Achtsam­keits­übungen. Formale Übungen sind die klassische Atemmedi­tation, der Bodyscan oder die Gehme­di­tation. Bei der infor­mellen Praxis geht es darum, achtsame Haltungen direkt in den Alltag einzu­bauen, etwa bewusst auf dem Weg zur Arbeit oder beim achtsamen Genießen eines Stücks Schokolade. Ein einfacher Impuls fürs Büro: Bevor Sie das Telefon abheben oder eine E‑Mail abschicken, einmal bewusst durch­atmen und sich neu auf die Aufgabe zentrieren. Kleine Momente wie diese trainieren das Gehirn, präsent zu sein, statt im Autopi­loten zu laufen.

Was ist Ihnen persönlich zum Thema Achtsamkeit besonders wichtig?

Dass man achtsam sein kann, ohne jemals meditiert zu haben. Achtsamkeit ist nicht gleich­zu­setzen mit Meditation. Meditation hilft und unter­stützt, ist aber nur ein Teil davon. Ich kenne viele Menschen, die das Wort „Achtsamkeit“ nie in den Mund nehmen und trotzdem unglaublich präsent sind. Man spürt es, wenn jemand wirklich ganz bei einem ist, wenn er oder sie mit einem spricht. Und noch etwas ist mir wichtig: Achtsamkeit ist keine Religion, sondern eine Haltung, die jede und jeder in ihren bezie­hungs­weise seinen Alltag einbauen kann und sie hat, entgegen manchen Vorur­teilen, viel mehr mit inten­sivem Genuss zu tun als mit Enthalt­samkeit.

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