„Achtsamkeit ist keine Entspannungstechnik“
Weg von Ablenkung, Ineffizienz und dem Funktionieren im Autopiloten: Unternehmerin und Achtsamkeitsexpertin Strobach erklärt im Gespräch mit der „Kärntner Wirtschaft“, warum Fokus trainierbar ist, wie Multitasking unserem Gehirn schadet und was jeder und jede schon morgen im Arbeitsalltag ausprobieren kann.
„Kärntner Wirtschaft“: Was bedeutet Achtsamkeit für Sie im unternehmerischen Kontext?
Susanne Strobach: Der wichtigste Punkt vorweg: Achtsamkeit ist keine Entspannungstechnik. Das ist der große Irrtum, der sich hartnäckig hält. Achtsamkeit ist in Wahrheit ein Training des Geistes, also die Fähigkeit, den Fokus bei einer Sache oder Person zu halten, anstatt gedanklich woanders zu sein. Gerade im unternehmerischen Kontext bringt uns das enorm viel: Wer konzentrierter und länger fokussiert arbeiten kann, macht weniger Fehler und ist effizienter. Die Entspannung, die sich dabei einstellt, ist ein willkommener Nebeneffekt, aber nie die eigentliche Absicht. Mir geht es immer darum, wie ich das in den Wahnsinn des Alltags integrieren kann, nicht nur auf dem Meditationskissen oder im Retreat, so schön das auch ist.
Ständige Ablenkung durch Smartphone, Tablet und Co.: Ist Multitasking im Arbeitsalltag schon zu einem Problem geworden?
Auf jeden Fall. Unser Gehirn kann gar nicht multitasken. Es entstehen Fehler, die Zeit, Nerven und manchmal auch Vertrauen kosten. Es geht also darum, wegzukommen vom bloßen Reagieren auf äußere Reize und stattdessen wieder aus der eigenen Mitte heraus zu agieren.
Was sagt die Wissenschaft dazu? Gibt es belastbare Belege für die Wirkung von Achtsamkeit und Meditation?
Ja, und genau das ist auch die Basis unserer Arbeit, wir stützen uns dabei stark auf die Neurowissenschaften. Untersuchungen zeigen unter anderem eine Stärkung des Immunsystems, höhere Zufriedenheit am Arbeitsplatz und weniger Krankenstände. Auch die Teamfähigkeit steigt, ebenso die Fähigkeit, klar zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Interessant ist auch: Die Kreativität nimmt zu, gerade bei der Problemlösung, und es gibt weniger Konflikte in und zwischen Teams. Innerhalb von zwölf Monaten regelmäßiger Praxis steigt nachweislich auch die Fähigkeit, äußerem Druck besser standzuhalten. Insgesamt profitieren Lebensqualität, Motivation und die innere Balance spürbar davon. Deshalb haben wir vor zehn Jahren auch begonnen, das wissenschaftlich fundiert in Form von Masterstudienlehrgängen in Österreich zu etablieren. Das war eine echte Herausforderung, aber es ist uns gelungen.
Haben Sie einen konkreten Tipp, den man ganz einfach im Arbeitsalltag ausprobieren kann?
Ein wichtiger Grundgedanke dahinter: Man unterscheidet formale und informelle Achtsamkeitsübungen. Formale Übungen sind die klassische Atemmeditation, der Bodyscan oder die Gehmeditation. Bei der informellen Praxis geht es darum, achtsame Haltungen direkt in den Alltag einzubauen, etwa bewusst auf dem Weg zur Arbeit oder beim achtsamen Genießen eines Stücks Schokolade. Ein einfacher Impuls fürs Büro: Bevor Sie das Telefon abheben oder eine E‑Mail abschicken, einmal bewusst durchatmen und sich neu auf die Aufgabe zentrieren. Kleine Momente wie diese trainieren das Gehirn, präsent zu sein, statt im Autopiloten zu laufen.
Was ist Ihnen persönlich zum Thema Achtsamkeit besonders wichtig?
Dass man achtsam sein kann, ohne jemals meditiert zu haben. Achtsamkeit ist nicht gleichzusetzen mit Meditation. Meditation hilft und unterstützt, ist aber nur ein Teil davon. Ich kenne viele Menschen, die das Wort „Achtsamkeit“ nie in den Mund nehmen und trotzdem unglaublich präsent sind. Man spürt es, wenn jemand wirklich ganz bei einem ist, wenn er oder sie mit einem spricht. Und noch etwas ist mir wichtig: Achtsamkeit ist keine Religion, sondern eine Haltung, die jede und jeder in ihren beziehungsweise seinen Alltag einbauen kann und sie hat, entgegen manchen Vorurteilen, viel mehr mit intensivem Genuss zu tun als mit Enthaltsamkeit.