„Händler ohne gepflegte Daten werden unsichtbarer“
Künstliche Intelligenz (KI) hält zunehmend Einzug in den Kärntner Handel – nicht als Zukunftsvision, sondern als konkretes Werkzeug im Alltag. Im Interview erzählt Markus Miklautsch, warum Datenqualität als Wettbewerbsvorteil gilt und kleine Schritte eine große Wirkung zeigen können.
„Kärntner Wirtschaft“: Wie weit ist KI im Kärntner Handel integriert und wo gibt es noch große Potenziale?
Markus Miklautsch: Inwieweit KI im Kärntner Handel wirklich integriert ist, lässt sich pauschal schwer beantworten. Was wir in der Praxis sehen, ist eine solide Basis bei der Digitalisierung. Viele Betriebe haben einen Onlineshop oder sind auf Social Media aktiv, gerade kleinere Händler holen dort sichtbar auf. Das ist ein guter Start.
Das große Potenzial beginnt dort, wo KI an Daten andocken kann. KI braucht klare Informationen zum Sortiment, Verfügbarkeit, Preisen, Varianten, Öffnungszeiten, Kontakt und Service. Sobald diese Informationen sauber digital vorliegen. Fehlen diese Daten, wird es schwer für die Kunden sichtbar zu bleiben, weil Suchsysteme und Assistenten wie ChatGPT oder Google Gemini vor allem die Händler vorschlagen werden, die klare und aktuelle Informationen liefern.
Ein zweiter großer Hebel liegt intern. Viele Abläufe im Handel sind wiederkehrend. Bestellungen, Nachbestellungen, Arbeitsvorbereitung, Rückfragen, Angebotsvorlagen, einfache Auswertungen. KI kann hier Zeit sparen, weil sie Routinearbeit abnimmt, Vorschläge macht und Standards vorbereitet. Das ist für viele Betriebe der eigentliche Gewinn, weil mehr Zeit für Kunden und Verkauf bleibt.
Welche Missverständnisse gibt es beim Thema KI im Handel?
Das häufigste Missverständnis ist die Angst, dass KI Menschen ersetzt. In der Realität ersetzt KI vor allem Reibungsverluste. Sie nimmt Routine und beschleunigt die Vorarbeit. Sie hilft beim Analysieren, Strukturieren und Zusammenfassen. Der Mensch bleibt der Entscheider, gerade im Handel, wo Vertrauen, Erfahrung und Gefühl für Kunden zählen.
Ein zweites Missverständnis ist der Gedanke, man brauche dafür gleich ein großes Projekt. Viele starten zu groß und scheitern dann an der Komplexität. In unseren Begleitungen drehen wir das um. Wir beginnen klein, mit einem klaren Anwendungsfall, der sofort spürbar hilft. Wer einmal erlebt, dass er in 20 Minuten etwas schafft, wofür er früher 2 Stunden gebraucht hat, versteht den Wert sofort.
Ein drittes Missverständnis ist, dass KI “magisch” funktioniert. KI ist nur so gut wie das, was man ihr gibt. Saubere Produktdaten, klare Abläufe und ein guter Prompt sind oft wichtiger als das teuerste Tool.
Der Mensch bleibt der Entscheider, gerade im Handel, wo Vertrauen, Erfahrung und Gefühl für Kunden zählen.
Markus Miklautsch
XretailerWelche Prozesse lassen sich schnell automatisieren?
Am schnellsten geht alles, was wiederkehrend ist und heute viel Zeit frisst. Social Media ist hier ein sehr dankbares Feld. Inhalte planen, Texte vorschlagen lassen, Varianten für verschiedene Kanäle erstellen, Bildideen liefern, Antworten auf Kommentare vorbereiten. Das bringt rasch mehr Sichtbarkeit, ohne dass jeden Tag bei null gestartet wird. Direkt danach kommen interne Standards. E‑Mails an Lieferanten, Vorlagen für Angebote, Checklisten für neue Produkte, kurze Erklärtexte für Kunden, kleine Auswertungen aus Verkaufszahlen. Viele dieser Dinge sind nicht kompliziert, sie sind nur mühsam.
Ein Beispiel aus unserer Beratung, das viele Betriebe überrascht: Wir lassen KI nicht nur Texte schreiben, wir lassen sie Abläufe verbessern. Wir geben ihr einen Prozess in einfachen Worten, zum Beispiel wie heute nachbestellt wird, wo es hängt, was oft vergessen wird. Dann erarbeiten wir gemeinsam eine bessere Schrittfolge und bauen daraus eine einfache Routine, die im Alltag funktioniert. Genau dort entsteht der echte Nutzen, weil es nicht um Spielerei geht, sondern um weniger Fehler und weniger Stress.
Wie verändert KI die Warenwirtschaft im Alltag?
KI verändert die Warenwirtschaft vor allem dort, wo Daten Qualität bekommen müssen. Das klingt trocken, hat aber eine sehr konkrete Wirkung. Sobald Bestände, Verfügbarkeiten und Produktinfos sauber gepflegt sind, kann man diese Daten für Sichtbarkeit und für bessere Entscheidungen nutzen. Man sieht das gerade bei Google sehr deutlich, weil KI immer stärker in die Suche integriert wird. Die Systeme wollen Antworten geben, nicht nur Links zeigen.
Ein Blumenhändler, der aktuelle Daten zu Produkten und Verfügbarkeit bereitstellt, hat bessere Chancen, vorgeschlagen zu werden, wenn Kunden nach den optimalen Pflanzen für das neue Hochbeet fragen. Ein Händler ohne gepflegte Daten wird unsichtbarer, obwohl er vielleicht das bessere Sortiment hat. Im Alltag bedeutet das: Genauigkeit wird zum Wettbewerbsvorteil. Wer weiß, was lagernd ist, was schnell dreht, was nachbestellt werden muss, kann schneller reagieren. KI kann dabei unterstützen, Muster zu erkennen, Hinweise zu geben und Vorschläge zu machen. Die Verantwortung bleibt beim Betrieb, die Arbeit wird aber leichter, weil weniger geraten werden muss.
Mit welchen Investitionskosten muss man rechnen?
Die wichtigste Investition kostet tatsächlich kein Geld. Das ist die Bereitschaft, sich eine Stunde pro Woche Zeit zu nehmen und KI im Alltag auszuprobieren. Viele Betriebe scheitern nicht am Budget, sondern daran, dass im Tagesgeschäft keine Luft bleibt. Finanziell kann der Einstieg sehr klein sein. Viele Werkzeuge kosten im Monat überschaubar und reichen für erste Schritte völlig aus. Teurer wird es dann, wenn man Daten sauber aufsetzen will, Schnittstellen benötigt oder Prozesse wirklich automatisieren möchte. Das bewegt sich je nach Ausgangslage von ein paar hundert Euro bis in größere Projekte.
Was ich kleinen und mittleren Betrieben immer mitgebe: Nicht zuerst über das Tool reden, sondern über den Nutzen. Wenn ein Betrieb mit KI jede Woche 3 bis 5 Stunden spart oder sichtbar mehr Anfragen bekommt, dann rechnet sich der Einstieg schnell. Genau so begleiten wir es in Beratungen. Erst ein klarer Anwendungsfall, dann ein einfacher Ablauf, dann saubere Daten. Danach kann man gezielt investieren, statt ins Blaue hinein.
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