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Lukas Müller ist ehemaliger österreichischer Skispringer. Bei seinem Sturz am Kulm 2016 hat er eine inkomplette Querschnittlähmung erlitten. © Max Guggi / vision one invest
Lukas Müller

„Es brennt schon noch unter den Finger­nägeln“

Zehn Jahre nach seinem Unfall erzählt der ehemalige Skispringer Lukas Müller von seinem ereignisreichen Weg zurück ins Leben.

12.01.2026 09:34 - Update am: 22.01.2026 11:29 von Claudia Blasi
Lesezeit 6 Minuten

Ein Sturz im Jahr 2016 hat den gebür­tigen Spittaler und Ex-Skispringer Lukas Müller auf den Boden, aber nicht zu Fall gebracht.

„Kärntner Wirtschaft“: Es ist fast auf den Tag genau zehn Jahre her, dass Sie am Kulm gestürzt sind. Wie geht es Ihnen heute?

Lukas Müller: Es geht mir gut. Es ist unfassbar, wie viel seither passiert ist. Am Anfang siehst du nicht, wie viel Potenzial noch vorhanden ist. Nach der Reha habe ich erkannt, dass man auch mit Rollstuhl ein normales Leben führen kann. Ich trainiere noch heute drei bis sechs Mal pro Woche. Da hatte ich als Sportler einen Vorteil.

Wenn Sie zurück­blicken: Welche Entscheidung war für Ihren Lebensweg seither am bedeu­tendsten?

Annehmen was ist – diese Entscheidung habe ich 30 Sekunden nach dem Sturz getroffen. Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte: Entweder ist es der Schock oder der Beginn einer langen Reise. Es bringt nichts, lange mit einer Situation zu hadern. Das Schicksal fragt nicht. Wenn etwas vorbei ist, dann ist es vorbei.

Welche Fähig­keiten aus dem Spitzen­sport haben Ihnen beim Neustart geholfen?

Es ist nicht wichtig, Spitzen­sportler zu sein, um seinen eigenen Körper zu kennen. Viel wichtiger ist die Disziplin. Dabei reicht es schon, sich eine Stunde pro Woche sportlich zu betätigen. Wenn man das durch­zieht, erzielt man in kurzer Zeit tolle Erfolge und kann sich langsam steigern. Dabei kann man darauf vertrauen, dass man immer viel mehr Reserven hat, als man abruft.

Wer die Distanz verringert, hat keine Berüh­rungs­ängste mehr.Zitat Ende

Lukas Müller

Ex-Skispringer und Unter­nehmer

Seit 2017 sind Sie auch Unter­nehmer. Warum haben Sie diesen Weg einge­schlagen?

Weil es eine schöne Pa­rallele ist. Als Sportler bist du quasi Unter­nehmer. Wenn du nicht performst, dann gibt es auch kein Einkommen. Und du bist für dich selbst verant­wortlich. Außerdem habe ich noch während meiner aktiven Karriere als Finanz­dienst­leister angefangen. Zahlen und Logik liegen mir, ich brauche nur Kopf und Stift, um zu arbeiten und mich selbst zu erhalten. Nun bin ich seit zehn Jahren in der Branche, konnte vielen Kunden helfen und habe viel zurück­be­kommen.

Was würden Sie Unter­nehmen raten, die überlegen, Menschen mit Behin­de­rungen einzu­stellen?

Es macht definitiv Sinn, Menschen mit Behin­de­rungen einzu­stellen. Unter­nehmen ersparen sich die Ausgleichs­zahlung und gewinnen dafür wertvolle Mitar­beiter. Und es gibt zahlreiche Förde­rungen. Ich bin mir auch sicher, dass Menschen mit Einschrän­kungen Fähig­keiten mitbringen, die andere weniger haben – etwa die Gabe, über sich selbst lachen zu können oder Problemen mit kreativen Lösungen zu begegnen. Darüber hinaus profi­tieren alle davon, wenn Barrie­re­freiheit geschaffen wird. Wer die Distanz verringert, hat keine Berüh­rungs­ängste mehr.

Gibt es etwas, worüber Sie sich früher geärgert haben und dem Sie heute gelassen entge­gen­blicken?

Ja, über die Blicke der anderen ärgere ich mich heute nicht mehr. Das war schwierig für mich, als ich am Anfang mit dem Rollstuhl unterwegs war. Aber ich habe nach wie vor kein Verständnis dafür, wenn jemand ohne Ausweis einen markierten Parkplatz besetzt. Ich bin selbst mit dem Auto unterwegs und es ist eine enorme Erleich­terung, vor Ort parken zu können.

Die Skiflug-WM in Oberstdorf steht bevor. Wenn Sie die Bilder im Fernsehen verfolgen, was geht Ihnen dann durch den Kopf?

Wenn ich die Burschen sehe, wie sie unter perfekten Bedin­gungen hinun­ter­segeln, dann brennt es mir schon noch unter den Finger­nägeln und ich wäre gerne selbst am Start. Dieses Gefühl des Skifliegens kann einfach nichts ersetzen. Aber man wächst mit der Heraus­for­derung.

Welchen Wunsch hätten Sie an die Gesell­schaft?

Dass wir uns gemeinsam weiter­ent­wi­ckeln. Egal, welchen Rucksack du zu tragen hast: Du bist ein wertvoller Teil der Gesell­schaft. Es entscheidet oft nur eine Sekunde und dein Leben verläuft komplett anders, als geplant.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Ich möchte mein berufs­be­glei­tendes Studium Sport­recht und Management in Krems abschließen und weiterhin meine Erfah­rungen in Vorträgen teilen, denn nur vonein­ander können wir lernen.

Lukas Müller
  • Lukas Müller (33) lebt in Salzburg und ist ehema­liger öster­rei­chi­scher Skispringer. Bei seinem schweren Sturz am Kulm 2016 hat er eine inkom­plette Querschnitt­lähmung erlitten.
  • Noch im selben Jahr gründete er ein Unter­nehmen, seit 2017 ist er geprüfter Vermö­gens­be­rater.
  • Hobby: In sport­licher Manier Rollstuhl­fahren beim Wings-for-Life-World Run, um eines Tages Querschnitt­lähmung heilbar zu machen.
Zur Person
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Dieser Artikel ist in Ausgabe 1/26 erschienen.
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