Der Zwick
„Es brennt schon noch unter den Fingernägeln“
Zehn Jahre nach seinem Unfall erzählt der ehemalige Skispringer Lukas Müller von seinem ereignisreichen Weg zurück ins Leben.
Ein Sturz im Jahr 2016 hat den gebürtigen Spittaler und Ex-Skispringer Lukas Müller auf den Boden, aber nicht zu Fall gebracht.
„Kärntner Wirtschaft“: Es ist fast auf den Tag genau zehn Jahre her, dass Sie am Kulm gestürzt sind. Wie geht es Ihnen heute?
Lukas Müller: Es geht mir gut. Es ist unfassbar, wie viel seither passiert ist. Am Anfang siehst du nicht, wie viel Potenzial noch vorhanden ist. Nach der Reha habe ich erkannt, dass man auch mit Rollstuhl ein normales Leben führen kann. Ich trainiere noch heute drei bis sechs Mal pro Woche. Da hatte ich als Sportler einen Vorteil.
Wenn Sie zurückblicken: Welche Entscheidung war für Ihren Lebensweg seither am bedeutendsten?
Annehmen was ist – diese Entscheidung habe ich 30 Sekunden nach dem Sturz getroffen. Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte: Entweder ist es der Schock oder der Beginn einer langen Reise. Es bringt nichts, lange mit einer Situation zu hadern. Das Schicksal fragt nicht. Wenn etwas vorbei ist, dann ist es vorbei.
Welche Fähigkeiten aus dem Spitzensport haben Ihnen beim Neustart geholfen?
Es ist nicht wichtig, Spitzensportler zu sein, um seinen eigenen Körper zu kennen. Viel wichtiger ist die Disziplin. Dabei reicht es schon, sich eine Stunde pro Woche sportlich zu betätigen. Wenn man das durchzieht, erzielt man in kurzer Zeit tolle Erfolge und kann sich langsam steigern. Dabei kann man darauf vertrauen, dass man immer viel mehr Reserven hat, als man abruft.
Wer die Distanz verringert, hat keine Berührungsängste mehr.
Lukas Müller
Ex-Skispringer und UnternehmerSeit 2017 sind Sie auch Unternehmer. Warum haben Sie diesen Weg eingeschlagen?
Weil es eine schöne Parallele ist. Als Sportler bist du quasi Unternehmer. Wenn du nicht performst, dann gibt es auch kein Einkommen. Und du bist für dich selbst verantwortlich. Außerdem habe ich noch während meiner aktiven Karriere als Finanzdienstleister angefangen. Zahlen und Logik liegen mir, ich brauche nur Kopf und Stift, um zu arbeiten und mich selbst zu erhalten. Nun bin ich seit zehn Jahren in der Branche, konnte vielen Kunden helfen und habe viel zurückbekommen.
Was würden Sie Unternehmen raten, die überlegen, Menschen mit Behinderungen einzustellen?
Es macht definitiv Sinn, Menschen mit Behinderungen einzustellen. Unternehmen ersparen sich die Ausgleichszahlung und gewinnen dafür wertvolle Mitarbeiter. Und es gibt zahlreiche Förderungen. Ich bin mir auch sicher, dass Menschen mit Einschränkungen Fähigkeiten mitbringen, die andere weniger haben – etwa die Gabe, über sich selbst lachen zu können oder Problemen mit kreativen Lösungen zu begegnen. Darüber hinaus profitieren alle davon, wenn Barrierefreiheit geschaffen wird. Wer die Distanz verringert, hat keine Berührungsängste mehr.
Gibt es etwas, worüber Sie sich früher geärgert haben und dem Sie heute gelassen entgegenblicken?
Ja, über die Blicke der anderen ärgere ich mich heute nicht mehr. Das war schwierig für mich, als ich am Anfang mit dem Rollstuhl unterwegs war. Aber ich habe nach wie vor kein Verständnis dafür, wenn jemand ohne Ausweis einen markierten Parkplatz besetzt. Ich bin selbst mit dem Auto unterwegs und es ist eine enorme Erleichterung, vor Ort parken zu können.
Die Skiflug-WM in Oberstdorf steht bevor. Wenn Sie die Bilder im Fernsehen verfolgen, was geht Ihnen dann durch den Kopf?
Wenn ich die Burschen sehe, wie sie unter perfekten Bedingungen hinuntersegeln, dann brennt es mir schon noch unter den Fingernägeln und ich wäre gerne selbst am Start. Dieses Gefühl des Skifliegens kann einfach nichts ersetzen. Aber man wächst mit der Herausforderung.
Welchen Wunsch hätten Sie an die Gesellschaft?
Dass wir uns gemeinsam weiterentwickeln. Egal, welchen Rucksack du zu tragen hast: Du bist ein wertvoller Teil der Gesellschaft. Es entscheidet oft nur eine Sekunde und dein Leben verläuft komplett anders, als geplant.
Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Ich möchte mein berufsbegleitendes Studium Sportrecht und Management in Krems abschließen und weiterhin meine Erfahrungen in Vorträgen teilen, denn nur voneinander können wir lernen.
- Lukas Müller (33) lebt in Salzburg und ist ehemaliger österreichischer Skispringer. Bei seinem schweren Sturz am Kulm 2016 hat er eine inkomplette Querschnittlähmung erlitten.
- Noch im selben Jahr gründete er ein Unternehmen, seit 2017 ist er geprüfter Vermögensberater.
- Hobby: In sportlicher Manier Rollstuhlfahren beim Wings-for-Life-World Run, um eines Tages Querschnittlähmung heilbar zu machen.