Richard David Precht: „Echter Fortschritt ist nicht ohne echte Diskussion zu haben.“
Richard David Precht: „Echter Fortschritt ist nicht ohne echte Diskussion zu haben.“ © Christian O. Bruch/Laif
Richard David Precht

An den Grenzen
des Sagbaren angelangt

Philosoph Richard David Precht spricht im Interview über die Meinungsfreiheit.

04.12.2025 07:14 von Claudia Blasi
Lesezeit 5 Minuten

Studien zufolge haben nur noch 40 Prozent der deutschen Bevöl­kerung die Ansicht, ihre Meinung frei äußern zu können. Für Autor Richard David Precht ein Alarm­signal für die liberale Demokratie.

„Kärntner Wirtschaft“: Eine Liedzeile der Band STS aus 1985 lautet „Z’erst überleg’n, a Meinung hob’n, dahinter steh’n, niemols Gewolt, olles bered’n, ober a ka Ongst vor irgendwem“. Geht es nicht genau darum in Ihrem Buch „Angst­still­stand“?

Richard David Precht: Das ist im Grunde die Quint­essenz des Buches. Wir brauchen wieder eine angst­freie Gesprächs­kultur, die vielfältige Meinungen zulässt.

Warum ist die Meinungs­freiheit aktuell bedroht? Was hat sich verändert?

Die Verzahnung zwischen Gesell­schaft und Medien ist eine andere. Wir haben heute die sozialen Medien, die aufge­regte Debatten zusätzlich befeuern, Shits­torms ermög­lichen und Leitmedien, die genüss­lich daraus zitieren, weil sie von der Erregungs­welle profi­tieren möchten. Das gab es vor vierzig Jahren so nicht. Jugend­liche tanzen heute nicht mehr in Clubs, weil sie gefilmt werden könnten und ihnen das später auf der Karrie­re­leiter um die Ohren fliegen könnte. Genau das ist der Angst­still­stand – bevor ich etwas tue oder sage, das mir schaden könnte, mache ich lieber gar nichts.

Welche Rolle spielt die Gesell­schaft in dieser Entwicklung?

Wir leben in einer Gesell­schaft, die nicht erwachsen werden und keine Verant­wortung übernehmen will. In Anlehnung an den mexika­ni­schen Lurch Axolotl, der sein Leben lang im Larven­stadium verharrt, nen­­ne ich sie auch „axolot­li­li­sierte Gesell­schaft“. Diese Unreife, gepaart mit der zuneh­menden Indivi­dua­li­sierung, führt zu einer gesin­nungs­ethi­schen Überan­strengung. Wenn sich jeder gleich persönlich angegriffen fühlt, beleidigt und einge­schnappt ist, ohne im Kontext zu denken, dann sprechen wir doch von Kindern. Hier müssen wir lernen auch mal Fünfe gerade sein zu lassen.

Waren die Menschen früher mutiger?

Die Konse­quenzen waren andere. Egal wer etwas sagte, ob von links oder rechts, es gab entweder Beifall oder Kritik – das war auszu­halten. Wenn du heute eine abwei­chende Meinung vertrittst, steht niemand hinter dir. Denn niemand möchte sich mit Miss­klängen schmücken. Streitbar war eine Charak­ter­ei­gen­schaft, davon sind wir weit entfernt. Die Menschen sind viel vorsich­tiger.

Je mehr Freiheit wir einfordern, desto dicker muss auch unser Fell sein.Zitat Ende

Richard David Precht

Schrift­steller und Philosoph

Der Meinungs­kor­ridor wird also enger. Bleibt dann noch Raum für öffent­liche Meinungs­bildung?

Solange die öffent­liche Meinung breit ist und unter­schied­liche Positionen abgebildet werden, ist jede Meinung gut. Natürlich sprechen wir hier nicht von Belei­di­gungen oder straf­rechtlich relevanten Inhalten. Aber es muss über alles disku­tiert werden können, sei es Corona, der Ukraine-Krieg oder der Konflikt zwischen Israel und Gaza.

Aus der Sicht der Unter­nehmen: Wie soll in einer Atmosphäre der Angst Innovation entstehen?

Meiner persön­lichen Erfahrung nach ist der öster­rei­chische Mittel­stand mutig und selbst­be­wusst. Vor allem Famili­en­be­triebe haben hier Vorteile. Sie kennen ihre Werte und können diese auch offen kommu­ni­zieren. Bei Konzernen wird das schwie­riger, sie müssen sich dem Mainstream anpassen – eine falsche Aussage des CEO kann fatale Folgen für das Unter­nehmen haben.

Was bedeutet das für Unter­nehmen und ihre Kommu­ni­kation nach außen?

Die Unter­neh­mer­land­schaft wird zunehmend gesichts­loser. Keiner möchte das Image des Betriebes mehr an einer Person festmachen. Es fehlen echte Persön­lich­keiten mit Ecken und Kanten, ebenso wie in Politik oder Kultur.

Ihre Antwort auf den Angst­still­stand ist Resilienz. Warum?

Ich bin überzeugt davon, dass wir uns darin üben müssen, Wider­spruch zu ertragen. Vor allem dieje­nigen in einer Gesell­schaft, die Verant­wortung tragen, müssen resili­enter werden und dürfen nicht sofort beim ersten Gegenwind die Segel einholen. Je mehr Freiheit wir einfordern, desto di­cker muss auch unser Fell sein.

Wo fängt Resilienz an?

Am besten schon bei den „Rasen­mäher-Eltern“, die in guter Absicht permanent den Weg ihrer Kinder ebnen. Dadurch nehmen sie den Kindern aber die so wichtige Erfahrung, den Umgang mit negativen Erleb­nissen zu lernen.

Richard David Precht
  • Richard David Precht, geboren am 8. Dezember 1964, ist ein deutscher Schrift­steller, Philosoph und Heraus­geber.
  • Zu seinen bekann­testen Büchern zählt „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“
  • Kürzlich erschien sein aktuellster Titel „Angst­still­stand“ – Warum die Meinungs­freiheit schwindet.
  • Mit dem Moderator Marcus Lanz betreibt Precht den ZDF-Podcast „Lanz & Precht“.
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Dieser Artikel ist in Ausgabe 23/25 erschienen.
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