„Kunden suchen nach Kuratierung statt Vielfalt“
Wie die Kaufkraft wieder zurück in die Städte und Dörfer kommen könnte und wonach Kunden wieder vermehrt Ausschau halten, erklärt Trend- und Zukunftsforscherin Janine Seitz.
„Kärntner Wirtschaft“: In der Stadt und auf dem Land gibt es immer mehr Leerstände. Wie sollte damit umgegangen werden?
Janine Seitz: Hier lohnt es sich, die Entwicklung nicht nur als wirtschaftliches Problem zu verstehen, sondern auch als ein gesellschaftliches Symptom, in der Stadt genauso wie am Land. Innenstädte waren jahrzehntelang vor allem eines: Orte des Konsums. Wer keine Kaufabsicht hatte, hatte dort auch keinen Platz. Genau das bricht gerade auf: Aufenthaltsqualität wird für Kommunen zur vorderen Prämisse. Leerstand führt zu mehr Leerstand.
Leerstehende Verkaufsflächen sollten auch anders genutzt werden?
Ja, sie verdienen eine Chance als Begegnungsräume. Ich nenne das konsumfreie Zonen. Orte zum Verweilen und Durchatmen, mit regelmäßigen Veranstaltungen, offen für jeden. Dafür müssen aber alle zusammenarbeiten: Städte, Immobilienbesitzer, Handel und Gastronomie und natürlich die Einwohner, die das Angebot auch annehmen.
Was braucht es am Land?
Auch am Land braucht es Treffpunkte, aber hier eher als Orte, die Funktionen bündeln. Der Ortskern als soziales Wohnzimmer, in dem Nahversorgung, Gemeinschaft und Gastronomie zusammentreffen. Das ist gerade in kleinen Städten und Dörfern überlebenswichtig, wo es das klassische Gasthaus oder den Greißler nicht mehr gibt. Im stationären Handel geht es zum Beispiel unabhängig vom Ort darum, Gemeinschaft zu ermöglichen. Entscheidend für die Zukunft von Innenstädten und Dorfkernen ist nicht, wie viele Geschäfte dort sind, sondern, wie viele Gründe es gibt, dort zu sein: zum Einkaufen, aber eben auch ohne Kaufabsicht, um sich zu treffen, um sich auszutauschen. Wer das versteht, bringt am Ende auch wieder Kaufkraft zurück.
Ihr Tipp an kleine und mittlere Betriebe?
Viele Klein- und Mittelbetriebe versuchen, mit dem Sortiment, dem Preis und dem Tempo der großen Plattformen mitzuhalten. Das ist aber ein Kampf, den sie nicht gewinnen können und auch nicht müssen. Wem es ausschließlich um das neueste Produkt zum billigsten Preis geht, wird dieses online finden. Doch Einkaufen ist weitaus mehr. Die eigentliche Stärke kleiner und mittlerer Betriebe liegt in der Fokussierung: auf regionale Herkunft, auf Qualität, auf echte Beratung, auf ein Erlebnis, das online nicht kopierbar ist.
Was am Ende zählt, ist die menschliche Nähe.
Janine Seitz
ZukunftsforscherinWas zählt in der Wirtschaft?
Letztlich menschliche Nähe. Leider wurde gerade in den vergangenen Jahren die Beratung stark zurückgefahren, mit dem Argument, Kunden ließen sich im Laden beraten und kauften dann online. Inzwischen schätzen viele Konsumenten gerade diese Leistung wieder und sind auch bereit, dafür mehr zu bezahlen. Sie suchen zunehmend nach Kuratierung statt Vielfalt, nach menschlicher Authentizität statt KI-generierter Empfehlung. Mein Tipp: Nicht versuchen, alles zu sein. Hingegen vor allem glaubwürdig, nahbar und mit klarer Haltung.
Auch Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Was unterscheidet hier den echten Wandel vom Greenwashing?
Echter Wandel hingegen beginnt am Produkt selbst: Wird tatsächlich in Langlebigkeit, in Reparierbarkeit, in Kreislauffähigkeit investiert. Die EU hat mit der Green-Claims-Richtlinie genau darauf reagiert: Künftig müssen Umweltaussagen wissenschaftlich belegt und unabhängig geprüft sein, bevor ein Unternehmen mit „klimaneutral“, „öko“ oder ähnlichen Begriffen werben darf. Nachhaltigkeit ist heute kein Alleinstellungsmerkmal mehr, sondern längst Voraussetzung. Wer sie noch als Marketinginstrument einsetzt statt als Geschäftsgrundlage, wird schnell durchschaut.
Woran scheitert die Kreislaufwirtschaft häufig?
Die Kreislaufwirtschaft scheitert selten an der Bereitschaft der Konsumenten, sie scheitert daran, dass sie zu kompliziert gestaltet ist oder es nur Insellösungen gibt.
- Janine Seitz wurde 1980 geboren und lebt in Wiesbaden. Sie ist seit mehr als 15 Jahren in der Trend- und Zukunftsforschung tätig. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf Konsum und Handel.
- Die studierte Kulturanthropologin setzt auf ein ganzheitliches Verständnis von Konsum, das die menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt rückt.
- Zuletzt erschien von ihr die Publikation „Future:Guide Konsum“.
- Seitz ist zudem Initiatorin des Museums für Konsumkultur und Kuratorin der Ausstellung „Konsum und Ich“.