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Janine Seitz ist als Zukunftsforscherin auf Konsumkultur spezialisiert © KK/Seitz
Janine Seitz

„Kunden suchen nach Kuratierung statt Vielfalt“

Wie die Kaufkraft wieder zurück in die Städte und Dörfer kommen könnte und wonach Kunden wieder vermehrt Ausschau halten, erklärt Trend- und Zukunftsforscherin Janine Seitz.

23.10.2026 08:23 - Update am: 23.10.2026 08:25 von Anita Arneitz
Lesezeit 5 Minuten

„Kärntner Wirtschaft“: In der Stadt und auf dem Land gibt es immer mehr Leerstände. Wie sollte damit umgegangen werden?

Janine Seitz: Hier lohnt es sich, die Entwicklung nicht nur als wirtschaft­liches Problem zu verstehen, sondern auch als ein gesell­schaft­liches Symptom, in der Stadt genauso wie am Land. Innen­städte waren jahrzehn­telang vor allem eines: Orte des Konsums. Wer keine Kaufab­sicht hatte, hatte dort auch keinen Platz. Genau das bricht gerade auf: Aufent­halts­qua­lität wird für Kommunen zur vorderen Prämisse. Leerstand führt zu mehr Leerstand.

Leerste­hende Verkaufs­flächen sollten auch anders genutzt werden?


Ja, sie verdienen eine Chance als Begeg­nungs­räume. Ich nenne das konsum­freie Zonen. Orte zum Verweilen und Durch­atmen, mit regel­mä­ßigen Veran­stal­tungen, offen für jeden. Dafür müssen aber alle zusam­men­ar­beiten: Städte, Immobi­li­en­be­sitzer, Handel und Gastro­nomie und natürlich die Einwohner, die das Angebot auch annehmen.

Was braucht es am Land?


Auch am Land braucht es Treff­punkte, aber hier eher als Orte, die Funktionen bündeln. Der Ortskern als soziales Wohnzimmer, in dem Nahver­sorgung, Gemein­schaft und Gastro­nomie zusam­men­treffen. Das ist gerade in kleinen Städten und Dörfern überle­bens­wichtig, wo es das klassische Gasthaus oder den Greißler nicht mehr gibt. Im statio­nären Handel geht es zum Beispiel unabhängig vom Ort darum, Gemein­schaft zu ermög­lichen. Entscheidend für die Zukunft von Innen­städten und Dorfkernen ist nicht, wie viele Geschäfte dort sind, sondern, wie viele Gründe es gibt, dort zu sein: zum Einkaufen, aber eben auch ohne Kaufab­sicht, um sich zu treffen, um sich auszu­tau­schen. Wer das versteht, bringt am Ende auch wieder Kaufkraft zurück.

Ihr Tipp an kleine und mittlere Betriebe?


Viele Klein- und Mittel­be­triebe versuchen, mit dem Sortiment, dem Preis und dem Tempo der großen Platt­formen mitzu­halten. Das ist aber ein Kampf, den sie nicht gewinnen können und auch nicht müssen. Wem es ausschließlich um das neueste Produkt zum billigsten Preis geht, wird dieses online finden. Doch Einkaufen ist weitaus mehr. Die eigent­liche Stärke kleiner und mittlerer Betriebe liegt in der Fokus­sierung: auf regionale Herkunft, auf Qualität, auf echte Beratung, auf ein Erlebnis, das online nicht kopierbar ist.

Was am Ende zählt, ist die mensch­liche Nähe.Zitat Ende

Janine Seitz

Zukunfts­for­scherin

Was zählt in der Wirtschaft?


Letztlich mensch­liche Nähe. Leider wurde gerade in den vergan­genen Jahren die Beratung stark zurück­ge­fahren, mit dem Argument, Kunden ließen sich im Laden beraten und kauften dann online. Inzwi­schen schätzen viele Konsu­menten gerade diese Leis­tung wieder und sind auch bereit, dafür mehr zu bezahlen. Sie suchen zunehmend nach Kuratierung statt Vielfalt, nach mensch­licher Authen­ti­zität statt KI-generierter Empfehlung. Mein Tipp: Nicht versuchen, alles zu sein. Hingegen vor allem glaub­würdig, nahbar und mit klarer Haltung.

Auch Nachhal­tigkeit wird immer wichtiger. Was unter­scheidet hier den echten Wandel vom Green­wa­shing?


Echter Wandel hingegen beginnt am Produkt selbst: Wird tatsächlich in Langle­bigkeit, in Reparier­barkeit, in Kreis­lauf­fä­higkeit in­ves­tiert. Die EU hat mit der Green-Claims-Richt­linie genau darauf reagiert: Künftig müssen Umwelt­aus­sagen wissen­schaftlich belegt und unabhängig geprüft sein, bevor ein Unter­nehmen mit „klima­neutral“, „öko“ oder ähnlichen Begriffen werben darf. Nachhal­tigkeit ist heute kein Allein­stel­lungs­merkmal mehr, sondern längst Voraus­setzung. Wer sie noch als Marke­ting­in­strument einsetzt statt als Geschäfts­grundlage, wird schnell durch­schaut.

Woran scheitert die Kreis­lauf­wirt­schaft häufig?


Die Kreis­lauf­wirt­schaft scheitert selten an der Bereit­schaft der Konsu­menten, sie scheitert daran, dass sie zu kompli­ziert gestaltet ist oder es nur Insel­lö­sungen gibt.

Zur Person
  • Janine Seitz wurde 1980 geboren und lebt in Wiesbaden. Sie ist seit mehr als 15 Jahren in der Trend- und Zukunfts­for­schung ­tätig. Ihr Schwer­punkt liegt dabei auf Konsum und Handel.
  • Die studierte Kultur­anthro­po­login setzt auf ein ganzheit­liches Verständnis von Konsum, das die mensch­lichen Bedürf­nisse in den Mittel­punkt rückt.
  • Zuletzt erschien von ihr die Publi­kation „Future:Guide Konsum“.
  • Seitz ist zudem Initia­torin des Museums für Konsum­kultur und Kuratorin der Ausstellung „Konsum und Ich“.
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Dieser Artikel ist in Ausgabe 20/26 erschienen.
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