„Zukunftsmut
motiviert und ist ansteckend“
Warum lineares Denken in unsicheren Zeiten zur Falle wird und wie Selbstständige trotz Umbrüchen handlungsfähig bleiben, erklärt die Wiener Zukunftsforscherin und Soziologin Christiane Varga-Polzhofer.
Kärntner Wirtschaft: Vieles verändert sich gerade schnell. Was ist jetzt wichtig?
Christiane Varga-Polzhofer: Fokus auf das Wesentliche. Zeiten des Umbruchs sind wunderbare Gelegenheiten für Status-Quo und Standortanalyse: Was ist wirklich der Kern meiner Arbeit, wie würde ich das definieren? Und was ist der wirkliche Mehrwert für eine Gesellschaft, die sich gerade im Wandel befindet und nach Orientierung sucht? Damit schlägt man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Man macht sich den Kern der eigenen Leistung bewusst, kann klarer kommunizieren und die Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit wird wieder spürbar. Das stärkt, wenn alles unruhig ist.
Oft fehlen Zeit und Ruhe zum Reflektieren. Was sind erste machbare Schritte?
Gerade dann, wenn sich so viel verändert, ist es wichtig, sich ein Zeitfenster fix in den Kalender zu schreiben und dieses für strategische Fragen, für das große Ganze und als Kontrapunkt zum kleinteiligen Alltag zu nutzen. Mein Tipp: jeden Freitag, eine Stunde. Das ist wie beim Sport. Wenn man einmal anfängt, merkt man, wie gut es tut.
Wie erkennt man, wie relevant KI für den eigenen Betrieb ist?
Ich plädiere stark dafür, nicht auf jeden Trend aufzuspringen, sondern kritisch zu hinterfragen: Was ist wirklich wesentlich für mich? Künstliche Intelligenz wird sich weiter etablieren, ob es uns gefällt oder nicht. Das ist kein kurzfristiger Hype, sondern eine strukturelle Veränderung. Wer versteht, dass KI ein technisches Werkzeug ist, kann sich besser überlegen, wo sie im eigenen Betrieb Sinn macht und wo nicht. Es hilft, offen im Team darüber zu sprechen und Ängste oder Sorgen zu entdramatisieren.
KI ist kein kurzfristiger Hype, sondern eine strukturelle Veränderung.
Christiane Varga-Polzhofer
ZukunftsforscherinWelche typischen Denkfehler beobachten Sie, wenn Betriebe über Zukunft nachdenken?
Ich beobachte sehr stark das lineare Denken. Wir projizieren Dinge aus der Vergangenheit in die Gegenwart und weiter in die Zukunft. Alles, was davon abweicht, gilt als unwahrscheinlich oder ist gar nicht erst am Radar. Ein klassischer Tunnelblick. In einer Zeit, die immer vernetzter und komplexer wird, ist das geschäftsschädigend. Deshalb ist es wichtig, das eigene Denken zu hinterfragen, bevor man einzelne Trends ansieht. Es braucht dafür mehr divergentes statt lineares Denken: Welche Perspektive gibt es noch? Welche Kombinationen oder Zusammenhänge übersehe ich gerade? Ein Rundumblick auf viele mögliche Zukünfte statt auf die eine, führt weg von Passivität und Überforderung hinein ins Handeln.
Wo sehen Sie für Kärnten Zukunftschancen?
Ein gutes Beispiel ist die Bahnanbindung. Das ist ein Stück mehr Vernetzung und ich bin selbst schon mit der Koralmbahn gefahren. Ich glaube außerdem, dass Kärnten von einer Bevölkerung geprägt ist, die sich schon immer mit Wandel auseinandergesetzt hat. Da ist viel mehr Potenzial vorhanden, als vielen bewusst ist. Gerade weil eine gute Zukunft auch entsteht, wenn man in die Vergangenheit schauen kann und sich bewusst macht, was man bisher geschafft hat und auf welche Werte man aufbauen kann. Werte werden in der globalen, digital vernetzten Zeit immer wichtiger. Das hat Kärnten und Europa dem Silicon Valley voraus. Mit gesundem Selbstbewusstsein kann man sich auf das Erreichte berufen und sich gleichzeitig nach neuen Ideen ausstrecken.
Ihr Tipp?
Je wilder die Zeit, desto besonnener bleiben. Besonnenheit halte ich für sehr wichtig in diesen Zeiten des Wandels. Es ist die Basis, um mutig und klug erste kleine Schritte zu setzen. Jeden Tag auf das Neue. Eine große Vision reicht oft nicht. Die Fragen: „Was kann ich heute ganz konkret tun, um Wirkung zu entfalten?“ motiviert und steckt auch das Umfeld mit Zukunftsmut und Zukunftshoffnung an. So wird aus Überforderung wieder Freude am Gestalten.
- Christiane Varga-Polzhofer wurde 1985 geboren und studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München Soziologie, Germanistik und Mediävistik (Mittelalterforschung).
- Sie war Teil des Think Tanks am Zukunftsinstitut Wien und berät heute Unternehmen, ist Keynote-Speakerin, lehrt an der FH Joanneum Graz und lebt in Wien.
- In ihrer Freizeit ist sie mit ihrem Mann gerne in der Natur unterwegs und macht Sport.