Christiane Varga-Polzhofer setzt sich täglich mit Trends auseinander und verrät, wie der Blick in die Zukunft motiviert statt überfordert.
Christiane Varga-Polzhofer setzt sich täglich mit Trends auseinander und verrät, wie der Blick in die Zukunft motiviert statt überfordert. © KK/Jenni Koller
Christiane Varga-Polzhofer

„Zukunftsmut
motiviert und ist anste­ckend“

Warum lineares Denken in unsicheren Zeiten zur Falle wird und wie Selbstständige trotz Umbrüchen handlungsfähig bleiben, erklärt die Wiener Zukunftsforscherin und Soziologin Christiane Varga-Polzhofer.

29.09.2026 09:02 von Anita Arneitz
Lesezeit 5 Minuten

Kärntner Wirtschaft: Vieles verändert sich gerade schnell. Was ist jetzt wichtig?

Chris­tiane Varga-Polzhofer: Fokus auf das Wesent­liche. Zeiten des Umbruchs sind wunderbare Gelegen­heiten für Status-Quo und Stand­ort­analyse: Was ist wirklich der Kern meiner Arbeit, wie würde ich das definieren? Und was ist der wirkliche Mehrwert für eine Gesell­schaft, die sich gerade im Wandel befindet und nach Orien­tierung sucht? Damit schlägt man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Man macht sich den Kern der eigenen Leistung bewusst, kann klarer kommu­ni­zieren und die Sinnhaf­tigkeit der eigenen Arbeit wird wieder spürbar. Das stärkt, wenn alles unruhig ist.

Oft fehlen Zeit und Ruhe zum Reflek­tieren. Was sind erste machbare Schritte?

Gerade dann, wenn sich so viel verändert, ist es wichtig, sich ein Zeitfenster fix in den Kalender zu schreiben und dieses für strate­gische Fragen, für das große Ganze und als Kontra­punkt zum klein­tei­ligen Alltag zu nutzen. Mein Tipp: jeden Freitag, eine Stunde. Das ist wie beim Sport. Wenn man einmal anfängt, merkt man, wie gut es tut.

Wie erkennt man, wie relevant KI für den eigenen Betrieb ist?

Ich plädiere stark dafür, nicht auf jeden Trend aufzu­springen, sondern kritisch zu hinter­fragen: Was ist wirklich wesentlich für mich? Künst­liche Intel­ligenz wird sich weiter etablieren, ob es uns gefällt oder nicht. Das ist kein kurzfris­tiger Hype, sondern eine struk­tu­relle Verän­derung. Wer versteht, dass KI ein techni­sches Werkzeug ist, kann sich besser überlegen, wo sie im eigenen Betrieb Sinn macht und wo nicht. Es hilft, offen im Team darüber zu sprechen und Ängste oder Sorgen zu entdra­ma­ti­sieren.

KI ist kein kurzfris­tiger Hype, sondern eine struk­tu­relle Verän­derung.Zitat Ende

Chris­tiane Varga-Polzhofer

Zukunfts­for­scherin

Welche typischen Denkfehler beobachten Sie, wenn Betriebe über Zukunft nachdenken?

Ich beobachte sehr stark das lineare Denken. Wir proji­zieren Dinge aus der Vergan­genheit in die Gegenwart und weiter in die Zukunft. Alles, was davon abweicht, gilt als unwahr­scheinlich oder ist gar nicht erst am Radar. Ein klassi­scher Tunnel­blick. In einer Zeit, die immer vernetzter und komplexer wird, ist das geschäfts­schä­digend. Deshalb ist es wichtig, das eigene Denken zu hinter­fragen, bevor man einzelne Trends ansieht. Es braucht dafür mehr diver­gentes statt lineares Denken: Welche Perspektive gibt es noch? Welche Kombi­na­tionen oder Zusam­men­hänge übersehe ich gerade? Ein Rundum­blick auf viele mögliche Zukünfte statt auf die eine, führt weg von Passi­vität und Überfor­derung hinein ins Handeln.

Wo sehen Sie für Kärnten Zukunfts­chancen?

Ein gutes Beispiel ist die Bahnan­bindung. Das ist ein Stück mehr Vernetzung und ich bin selbst schon mit der Koralmbahn gefahren. Ich glaube außerdem, dass Kärnten von einer Bevöl­kerung geprägt ist, die sich schon immer mit Wandel ausein­an­der­ge­setzt hat. Da ist viel mehr Potenzial vorhanden, als vielen bewusst ist. Gerade weil eine gute Zukunft auch entsteht, wenn man in die Vergan­genheit schauen kann und sich bewusst macht, was man bisher geschafft hat und auf welche Werte man aufbauen kann. Werte werden in der globalen, digital vernetzten Zeit immer wichtiger. Das hat Kärnten und Europa dem Silicon Valley voraus. Mit gesundem Selbst­be­wusstsein kann man sich auf das Erreichte berufen und sich gleich­zeitig nach neuen Ideen ausstrecken.

Ihr Tipp?

Je wilder die Zeit, desto beson­nener bleiben. Beson­nenheit halte ich für sehr wichtig in diesen Zeiten des Wandels. Es ist die Basis, um mutig und klug erste kleine Schritte zu setzen. Jeden Tag auf das Neue. Eine große Vision reicht oft nicht. Die Fragen: „Was kann ich heute ganz konkret tun, um Wirkung zu entfalten?“ motiviert und steckt auch das Umfeld mit Zukunftsmut und Zukunfts­hoffnung an. So wird aus Überfor­derung wieder Freude am Gestalten.

Zur Person
  • Chris­tiane Varga-Polzhofer wurde 1985 geboren und studierte an der Ludwig-Maximi­lians-Univer­sität München Sozio­logie, Germa­nistik und Mediävistik (Mittel­al­ter­for­schung).
  • Sie war Teil des Think Tanks am Zukunfts­in­stitut Wien und berät heute Unter­nehmen, ist Keynote-Speakerin, lehrt an der FH Joanneum Graz und lebt in Wien.
  • In ihrer Freizeit ist sie mit ihrem Mann gerne in der Natur unterwegs und macht Sport.
Zur Person
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Dieser Artikel ist in Ausgabe 19/26 erschienen.
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