„Wir sind eine
verwöhnte Gesellschaft“
Was hinter dem Frust, Stress und Selbstmitleid der heutigen Zeit steckt und weshalb Unternehmer durchaus der Gegenentwurf zur Jammerkultur sein könnten, erklärt Buchautor und Universitätsprofessor Michael Lehofer.
„Kärntner Wirtschaft“: Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Ängsten und Bedürfnissen der Menschen. Was fällt auf?
Michael Lehofer: Die Sehnsüchte sind bei jedem gleich. Man möchte glücklich sein und ein Leben führen, das einen erfüllt. Gleichzeitig sehen alle, dass das nicht zu jeder Zeit aufgeht. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns. Und man beobachtet bei sich und bei anderen, dass wir manchmal verzweifelt versuchen, unser Leben zu verbessern und es wird einfach nicht besser.
Wir wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?
Man sieht, dass die Frustration zunimmt. Das zeigt auch die politische Entwicklung: Menschen radikalisieren sich und führen keinen Diskurs mehr. Die Mitte ist wie der Marktplatz in einem Dorf, auf dem man sich trifft. Austauschen heißt dort nicht, die eigene Meinung durchzusetzen, sondern sich gegenseitig mit Perspektiven zu bereichern. Heute ziehen sich die Menschen in ihre Blasen zurück. Dahinter steht psychologisch Frustration und Selbstmitleid. Es wird unglaublich viel gejammert und gefordert, dass andere es besser machen sollen, aber wenig Selbstverantwortung übernommen.
Ein Unternehmer kann nicht verwöhnt sein, sonst geht er pleite.
Michael Lehofer
Universitätsprofessor und BuchautorSie sprechen von einer verwöhnten Gesellschaft …
Wir sind in gewisser Weise eine infantilisierte Gesellschaft. Wir machen ständig die sogenannten Machthaber verantwortlich, dass es uns nicht gut geht, und kommen nicht auf die Idee, selbst etwas zu tun. Statt die Ärmel aufzukrempeln, erwarten wir den Erfolg von Vater Staat. Der kann das aber nicht bieten. Denn es gibt kein Geschenk, das so groß ist wie das Geschenk, selbst etwas geschaffen zu haben.
Welche Rolle spielen Unternehmerinnen und Unternehmer?
Sie sind ein Gegenentwurf, denn ein Unternehmer kann nicht verwöhnt sein, sonst geht er pleite. Trotzdem jammern auch Unternehmer. Dabei schaffen sie Arbeitsplätze für andere. Aus meiner Sicht gehört das Unternehmertum in Österreich entfesselt. Es geht nicht nur ums Geld, sondern um die Umstände des Handelns: Unternehmer leiden unter unheimlich vielen Regularien. Das gelingt nicht, weil sich die Bürokratie so viel Identität geschaffen hat, dass sie sich nicht leicht relativieren lässt.
Kann Stress auch eine Folge von Verwöhnung sein?
Stress hat viele Gründe, etwa die enorme Beschleunigung, der wir nachhecheln. Aber wer sich sehr schont, für den wird schon wenig Belastung zur großen Belastung. Vieles ist eine Frage der Haltung. Nach der Pandemie war es nicht leicht, wieder in die Gänge zu kommen. Vielleicht sind wir es bis heute nicht.
Was hätte die Gesellschaft aus den Krisen lernen können?
Wir wollten jede Krise durchtauchen. Das ist menschlich verständlich. Aber Krisen sind die Möglichkeit, wirklich neu zu werden. Wer eine Situation durchlebt, in der er nicht weiß, wie es weitergeht, macht die Erfahrung, dass er trotzdem weiterlebt. Das macht frei. Diese Freiheit haben wir uns genommen, indem wir gehofft haben, dass der Staat alles für uns tut. Wenn das Leben Nein zu uns sagt, fordert es uns, unsere Werkzeugkiste zu erweitern. Dann sind wir für alles gerüstet.
Was geben Sie Selbstständigen mit auf den Weg?
Ich bin nicht der Weise vom Berg. Aber den Spaß am Arbeiten darf man sich nie nehmen lassen. Als Unternehmer trägt man Risiko, aber no risk, no fun. Diese Selbstverantwortung ist ein super Entwurf für ein glückliches Leben.
Konkret kann das heißen?
Das Richtige ist immer das, was unser Herz beruhigt. Wenn wir einen Menschen lieben, sinkt unser Stresskontrollsystem. Mit dem richtigen Leben ist es genauso: Man hat das Empfinden des Passenden. Es fühlt sich dann einfach stimmig an. Daher ist es oft besser, in einem Beruf weniger zu verdienen und ein Leben lang Freude daran zu haben.
- Michael Lehofer, geboren 1956 in Graz, war nach dem Studium und Promotion in Humanmedizin und Psychologie in verschiedenen Kliniken tätig, unter anderem als ärztlicher Direktor der Landesnervenklinik Sigmund Freud in Graz.
- Heute gilt er als eine der bekanntesten Stimmen für persönliche Entwicklung im deutschsprachigen Raum.
- Bei der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft sprach er über sein aktuelles Buch „Zu viel von allem und zu wenig vom Richtigen“, erschienen im Kneipp Verlag.