Michael Lehofer
Weniger Verwöhnung, mehr Selbstverantwortung wünscht sich Universitätsprofessor Michael Lehofer in der Gesellschaft. © KK/VWG
Michael Lehofer

„Wir sind eine
verwöhnte Gesell­schaft“

Was hinter dem Frust, Stress und Selbstmitleid der heutigen Zeit steckt und weshalb Unternehmer durchaus der Gegenentwurf zur Jammerkultur sein könnten, erklärt Buchautor und Universitätsprofessor Michael Lehofer.

04.11.2026 15:12 - Update am: 04.11.2026 15:12 von Anita Arneitz
Lesezeit 5 Minuten

„Kärntner Wirtschaft“: Sie beschäf­tigen sich seit Jahren mit Ängsten und Bedürf­nissen der Menschen. Was fällt auf?

Michael Lehofer: Die Sehnsüchte sind bei jedem gleich. Man möchte glücklich sein und ein Leben führen, das einen erfüllt. Gleich­zeitig sehen alle, dass das nicht zu jeder Zeit aufgeht. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns. Und man beobachtet bei sich und bei anderen, dass wir manchmal verzweifelt versuchen, unser Leben zu verbessern und es wird einfach nicht besser.

Wir wirkt sich das auf die Gesell­schaft aus?

Man sieht, dass die Frustration zunimmt. Das zeigt auch die politische Entwicklung: Menschen radika­li­sieren sich und führen keinen Diskurs mehr. Die Mitte ist wie der Markt­platz in einem Dorf, auf dem man sich trifft. Austau­schen heißt dort nicht, die eigene Meinung durch­zu­setzen, sondern sich gegen­seitig mit Perspek­tiven zu berei­chern. Heute ziehen sich die Menschen in ihre Blasen zurück. Dahinter steht psycho­lo­gisch Frustration und Selbst­mitleid. Es wird unglaublich viel gejammert und gefordert, dass andere es besser machen sollen, aber wenig Selbst­ver­ant­wortung übernommen.

Ein Unter­nehmer kann nicht verwöhnt sein, sonst geht er pleite.Zitat Ende

Michael Lehofer

Univer­si­täts­pro­fessor und Buchautor

Sie sprechen von einer verwöhnten Gesell­schaft …

Wir sind in gewisser Weise eine infan­ti­li­sierte Gesell­schaft. Wir machen ständig die sogenannten Macht­haber verant­wortlich, dass es uns nicht gut geht, und kommen nicht auf die Idee, selbst etwas zu tun. Statt die Ärmel aufzu­krempeln, erwarten wir den Erfolg von Vater Staat. Der kann das aber nicht bieten. Denn es gibt kein Geschenk, das so groß ist wie das Geschenk, selbst etwas geschaffen zu haben.

Welche Rolle spielen ­Unter­neh­me­rinnen und ­Unter­nehmer?

Sie sind ein Gegen­entwurf, denn ein Unter­nehmer kann nicht verwöhnt sein, sonst geht er pleite. Trotzdem jammern auch Unter­nehmer. Dabei schaffen sie Arbeits­plätze für andere. Aus meiner Sicht gehört das Unter­neh­mertum in Öster­reich entfesselt. Es geht nicht nur ums Geld, sondern um die Umstände des Handelns: Unter­nehmer leiden unter unheimlich vielen Regularien. Das gelingt nicht, weil sich die Bürokratie so viel Identität geschaffen hat, dass sie sich nicht leicht relati­vieren lässt.

Kann Stress auch eine Folge von Verwöhnung sein?

Stress hat viele Gründe, etwa die enorme Beschleu­nigung, der wir nachhe­cheln. Aber wer sich sehr schont, für den wird schon wenig Belastung zur großen Belastung. Vieles ist eine Frage der Haltung. Nach der Pandemie war es nicht leicht, wieder in die Gänge zu kommen. Vielleicht sind wir es bis heute nicht.

Was hätte die Gesell­schaft aus den Krisen lernen ­können?

Wir wollten jede Krise durch­tauchen. Das ist menschlich verständlich. Aber Krisen sind die Möglichkeit, wirklich neu zu werden. Wer eine Situation durchlebt, in der er nicht weiß, wie es weitergeht, macht die Erfahrung, dass er trotzdem weiterlebt. Das macht frei. Diese Freiheit haben wir uns genommen, indem wir gehofft haben, dass der Staat alles für uns tut. Wenn das Leben Nein zu uns sagt, fordert es uns, unsere Werkzeug­kiste zu erweitern. Dann sind wir für alles gerüstet.

Was geben Sie Selbst­stän­digen mit auf den Weg?

Ich bin nicht der Weise vom Berg. Aber den Spaß am Arbeiten darf man sich nie nehmen lassen. Als Unter­nehmer trägt man Risiko, aber no risk, no fun. Diese Selbst­ver­ant­wortung ist ein super Entwurf für ein glück­liches Leben.

Konkret kann das heißen?

Das Richtige ist immer das, was unser Herz beruhigt. Wenn wir einen Menschen lieben, sinkt unser Stress­kon­troll­system. Mit dem richtigen Leben ist es genauso: Man hat das Empfinden des Passenden. Es fühlt sich dann einfach stimmig an. Daher ist es oft besser, in einem Beruf weniger zu verdienen und ein Leben lang Freude daran zu haben.

Zur Person
  • Michael Lehofer, geboren 1956 in Graz, war nach dem Studium und Promotion in Human­me­dizin und Psycho­logie in verschie­denen Kliniken tätig, unter anderem als ärztlicher ­Direktor der Landes­nervenklinik Sigmund Freud in Graz.
  • Heute gilt er als eine der bekann­testen Stimmen für persön­liche Entwicklung im deutsch­spra­chigen Raum.
  • Bei der Volks­wirt­schaft­lichen Gesell­schaft sprach er über sein aktuelles Buch „Zu viel von allem und zu wenig vom Richtigen“, erschienen im Kneipp Verlag.
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