Auch auf Zufällen kann man seinen Erfolg aufbauen, ist Christian Busch überzeugt.
Auch auf Zufällen kann man seinen Erfolg aufbauen, ist Christian Busch überzeugt. © Justine Stoddart
Christian Busch

„Unerwar­tetes
annehmen und für sich nutzen“

Warum der Zufall auf dem Weg zum Erfolg nicht unterschätzt werden sollte und wie man ihn sich zunutze machen kann, weiß Zufallsforscher Christian Busch.

15.05.2024 10:20 - Update am: 11.07.2024 13:36 von Johannes Moser
Lesezeit 5 Minuten

„Kärntner Wirtschaft“: In Ihrem Buch schreiben Sie vom Zufall als großen Erfolgs­faktor. Inwiefern kann dieser zum Glück führen?

Christian Busch: Glück an sich kann man auf zwei Arten haben. Es gibt passives Glück, wie die Geburts­lot­terie, aber auch aktives Glück, die sogenannte Seren­di­pität. Das Leben an sich ist bei allen Plänen, die wir regel­mäßig anfer­tigen, sehr oft eine Verkettung von vielen Zufällen, egal ob das Ideen, Begeg­nungen oder andere Gescheh­nisse sind. Bei Seren­di­pität geht es darum, diese unvor­her­ge­se­henen Ereig­nisse so für uns zu nutzen, dass sie unser Leben positiv beein­flussen. Es geht darum, sie geschehen zu lassen und dann bewusst zu einem besseren Zweck zu verbinden.

Wird man also glück­licher, wenn man sein Leben laufen und alles dem Zufall überlässt?

Nein, darum geht es nicht. Im deutsch­spra­chigen Raum leben wir in sehr planungs­ori­en­tierten Systemen, die sowohl privat als auch im täglichen Business stark auf die exakte Berechnung von zukünf­tigen Ereig­nissen Wert legen. Das ist sinnvoll und legt auch eine großartige Basis für Erfolg. Dennoch sollte man sich einen kleinen Spielraum für Zufälle oder Faktoren, auf die man erst im Laufe des Prozesses kommt, lassen – egal ob diese auf den ersten Blick positiv oder negativ für das große Ganze sind. Ich spreche hier gerne vom ratio­nalen Optimismus, der die Dinge annimmt, wie sie sind und den bestmög­lichen Sinn daraus zieht. Ein Vorbild meiner­seits ist hier sicher der Öster­reicher Viktor Frankl, der selbst aus den schwie­rigsten Momenten einen Sinn ziehen konnte.

Wie kann ich Seren­di­pität in meinen Alltag integrieren?

Ein gutes Beispiel ist die Hakenstra­tegie. Man kann sich zwei, drei Themen überlegen, die man in Konver­sa­tionen einfließen lassen kann – und die dann oftmals zu „zufäl­ligen“ Überschnei­dungen führen. Denn viele von uns beschäf­tigen abseits vom Beruf­lichen Dinge wie Familie oder Gesundheit. Wenn das Gegenüber „anbeißt“, ergibt sich vielleicht ein Gespräch oder ein toller Kontakt, der einem früher oder später von Nutzen sein kann.

Eine gewisse ­Offenheit für Unerwar­tetes sollte Teil jeder ­Unter­neh­mens­kultur sein.Zitat Ende

Christian Busch

Zufalls­for­scher

Dafür braucht es aber oft eine gesunde Portion Selbst­be­wusstsein, oder?

Ein gesunder Selbstwert hilft in dieser Hinsicht. Hier könnte man sich etwa überlegen: „Was ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn ich Thema XY jetzt im Meeting anspreche?“ Es gibt so viele nicht reali­sierte Projekte, Freund­schaften oder Erfolgs­ge­schichten, weil man im entschei­denden Moment nicht mutig genug war. Diesen Mut kann man trainieren wie einen Muskel. Wenn ein Haken nicht funktio­niert, versuche ich einen anderen. Wichtig ist hier nur, dass man authen­tisch bleibt. Und vor allem intro­ver­tierte Menschen ziehen ihre Zufälle auch oft aus anderen Quellen, etwa aus Büchern oder einem Podcast.

Wie lässt sich Seren­di­pität in die Unter­nehmens- und Führungs­kultur integrieren?

Eine gewisse Offenheit für Unerwar­tetes sollte immer Teil des Plans sein. Führungs­kräfte könnten in jedem Meeting die Frage stellen, was denn jeden Einzelnen in der vergan­genen Woche überrascht hat. So werden die Sinne für neue Aspekte im täglichen Tun geschärft. Vielleicht kommt es so sogar zu Innova­tionen, wenn man die Punkte der Mitar­beiter verknüpft.

Gibt es eine besondere ­Geschichte oder Begegnung, die für Sie persönlich die Macht des Zufalls verdeut­licht hat?

Ja, sehr viele. Die bedeu­tendsten sind sicherlich ein Autounfall, den ich in jungen Jahren mit viel Glück überlebt habe und die Tatsache, dass ich 2020 in New York zufäl­li­ger­weise eine alte Bekannte wieder getroffen habe. Heute ist sie meine Frau und wir haben eine kleine Tochter. Diese Ereig­nisse waren nicht planbar und haben mich dort hinge­führt, wo ich heute bin.

Zur Person

Christian Busch ist Professor für angewandtes Management und Organi­sation an der Marshall School of Business der University of Southern ­California in Los Angeles. Der gebürtige Deutsche ist unter den „30 Management-Denkern, die die Zukunft prägen werden“ (Thinkers50), ein Mitglied im Exper­ten­forum des Weltwirt­schafts­forums und ein Fellow der Royal ­Society of Arts. Sein Bestseller „Erfolgs­faktor Zufall“ erschien 2023 auf Deutsch im ­Murmann Verlag.

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Dieser Artikel ist in Ausgabe 10/24 erschienen.