Philipp Pexider Wirtschaftsphilosoph
Ein gutes Arbeitsklima kann nur gelingen, wenn man wirkliches Interesse an den Mitarbeitern zeigt, ist Philipp Pexider überzeugt. © KK
Philipp Pexider

„Das klassische
Alphatier hat ausge­dient“

Die Gesellschaft ist im Umbruch, neue Lebensstile entstehen. Doch welche Auswirkungen hat das für die Wirtschaft? Wirtschaftsphilosoph Philipp Pexider hat Antworten.

06.04.2024 16:19 - Update am: 14.06.2024 19:07 von Claudia Blasi
Lesezeit 5 Minuten

„Kärntner Wirtschaft“: Warum sind Lebens­stile für Unter­nehmen relevant?

Philipp Pexider: Aus zumindest zwei Gründen: Erstens müssen Unter­nehmen verstehen, was ihre Kunden bewegt. Zweitens müssen Unter­nehmen besser darin werden, die Bedürf­nisse ihrer Mitar­beiter zu verstehen. Das Konzept der Lebens­stile kann dabei Orien­tierung bieten. 

Welcher Lebensstil dominiert aktuell in der Gesell­schaft?

Geprägt wurden die vergan­genen Jahre wohl vor allem von den sogenannten Vorwärts­ma­chern – Menschen, die einen Drang zum Gestalten haben und sich dabei nicht von anderen verun­si­chern lassen. Vorwärts­macher gehen stur ihren Weg. Bekannte Beispiele hierfür sind etwa Elon Musk, der Elektro­autos im Westen salon­fähig gemacht hat, oder Greta Thunberg, die die „Fridays for Future“-Bewegung ins Leben gerufen hat. 

Haben Zielgruppen und Milieus ausge­dient? 

Zielgruppen und Milieus spielen nach wie vor eine wichtige Rolle. Es erscheint aber immer schwie­riger, Menschen auf Basis von sozio­de­mo­gra­fi­schen Merkmalen wie Geschlecht oder Einkommen zu katego­ri­sieren. Lebens­stile versuchen deshalb, den Zeitgeist in der Bevöl­kerung zu charak­te­ri­sieren und so ein besseres Verständnis für die Haltungen der Menschen zu bekommen. 

Philipp Pexider Wirtschaftsphilosoph © KK

Menschen zu verstehen, heißt nicht, sie in Schub­laden zu stecken. Zitat Ende

Philipp Pexider

Wirtschafts­phi­losoph

Wie sollten Unter­nehmen auf diese Verän­de­rungen reagieren?

Ganz zentral ist es, als Unter­nehmen lernfähig zu bleiben. Was läuft gut, was können wir verbessern? Was ändert sich am Markt und wie denken unsere Kunden? Das sind nicht nur strate­gische Fragen, sie sollten fixer Bestandteil des unter­neh­me­ri­schen Alltags werden. Und die wich­tigsten Bereiche eines Unter­nehmens sollten sich in entspre­chenden Kennzahlen wider­spiegeln. Es reicht nicht, als Betrieb zu wissen was man tut, man muss wissen, wie sich Handlungen auswirken. 

Wie bringt man unter­schied­liche Lebens­stile innerhalb eines Betriebes unter einen Hut?

Jeden­falls nicht von oben herab. Das Bewusstsein über Diver­sität im Unter­nehmen ist ein guter erster Schritt. Aber, umso mehr unter­schied­liche Inter­essen im Unter­nehmen vorhanden sind, desto stärker sollten Handlungen parti­zi­pativ erfolgen. Das bedeutet, dass die Menschen im Unter­nehmen eine Möglichkeit bekommen sollten, mitzu­ge­stalten und dass diese Prozesse auch offen und ehrlich ablaufen sollten.

Was bedeutet das für die Beziehung zwischen Mitar­beitern und Unter­nehmen?

Unter­nehmen stehen immer noch am Anfang, wenn es darum geht, Menschen zu verstehen. Menschen wirklich zu verstehen, heißt ja gerade nicht, sie in Schub­laden zu stecken. Sich darauf einzu­lassen, was Menschen in Unter­nehmen bewegt, was ihre Stärken und Schwächen sind, funktio­niert nicht so nebenbei. Das ist eine eigene Kompetenz, die an Bedeutung gewinnen wird. Nur so können Bezie­hungen in Unter­nehmen wirklich gelingen und Poten­ziale entfaltet werden. Das ist nicht einfach wieder eine neue Aufgabe für Unter­nehmen, sondern eine riesige Chance. 

Wie wirkt sich das auf die Art der Führung aus?

Tenden­ziell lässt sich sagen, dass das klassische Alphatier ausge­dient hat. Dieses Konzept basiert ja auf der Idee, dass eine einzelne Person in jeder Situation die bes­ten Entschei­dungen treffen kann. Dem gegenüber steht ein Führungstyp, den ich als philo­so­phisch-orien­tiert kennzeichnen würde. Das bedeutet, dass man als Führungs­kraft die eigenen Ansichten bewusst hinter­fragt. Es geht nicht darum, alles immer besser zu wissen, sondern darum, möglichst viele Perspek­tiven einzu­be­ziehen, um auch in komplexen Situa­tionen bestmög­liche Entschei­dungen zu treffen.

Philipp Pexider

Philipp Pexider aus Gleisdorf (Steiermark) hat Sozio­logie und Philo­sophie studiert. Er ist Experte für Lebens­stile und beschäftigt sich am Zukunfts­in­stitut in Frankfurt am Main und Wien mit der Verän­derung der Gesell­schaft und hilft Unter­nehmen dabei, Kunden und Mitar­beiter besser zu verstehen. Er ist unter anderem Autor der Trend­studie Lebens­stile und des Workbook HR, die beim Zukunfts­in­stitut erschienen sind.

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