Christoph Leitl sagt über sich: „Ich bin im Stern­zeichen Europas geboren.“
Christoph Leitl sagt über sich: „Ich bin im Stern­zeichen Europas geboren.“ © WKÖ/Doris Kucera
Christoph Leitl

„Öster­reichs Bild
in der EU hängt schief“

Mehr Kompromissbereitschaft und politischen Sachverstand auf europäischer Ebene fordert der ehemalige WKÖ-Präsident Chris­toph Leitl.

01.05.2024 10:44 - Update am: 05.06.2024 17:31 von Klaus Höfler
Lesezeit 5 Minuten

„Kärnt­ner Wirt­schaft“: Wie geht es der EU der­zeit: Ist sie gesund, ver­schnupft oder ein Wach­ko­ma­pa­ti­ent?

Chris­toph Leitl: In Sachen Sicher­heits­po­li­tik und Migra­ti­on ist sie elend bei­sam­men, im wirt­schaft­lich-inno­va­ti­ven Bereich dank der Bega­bungs­po­ten­zia­le der Men­schen ist jeg­li­che Hoff­nung vor­han­den – es braucht aller­dings ent­spre­chen­de Rah­men­be­din­gun­gen. Gera­de den Fra­gen der Aus- und Wei­ter­bil­dung, der Kom­bi­na­ti­on von schu­li­schem und beruf­li­chem Wis­sen muss ein höhe­rer Stel­len­wert ein­ge­räumt wer­den. Das wür­de Euro­pa glo­bal einen Wett­be­werbs­vor­teil brin­gen.

Laut Euro­ba­ro­me­ter ist die Unzu­frie­den­heit mit der EU nir­gends grö­ßer als in Öster­reich. Was läuft da schief?

Obwohl wir vom EU-Bei­tritt immense Vor­tei­le haben und den größ­ten Nut­zen zie­hen, ist die Bevöl­ke­rung sehr kri­tisch und skep­tisch. Dar­über wun­dert man sich auch im Rest Euro­pas. Posi­tiv ist, dass zwei Drit­tel wei­ter­hin in der EU ver­blei­ben wol­len.

War­um hat sich seit dem Bei­tritt das kli­ma­ti­sche ­Emp­fin­den nicht ver­bes­sert?

Es hat am Anfang gro­ße Erwar­tun­gen gege­ben. Da liegt es in der Natur der Sache, dass vie­le Erwar­tun­gen ent­we­der nicht erfüllt wor­den sind oder – wenn sie erfüllt wor­den sind – das nicht mehr bewusst ist. Dass wir hun­dert­tau­sen­de Arbeits­plät­ze gewon­nen haben oder dass unse­re Export­betriebe flo­rie­ren – das sind Din­ge, auf die man hin­wei­sen muss. Nicht, um sich auf Erfol­gen aus­zu­ru­hen oder die Din­ge schönzu­reden. Im Gegen­teil: Das Kri­ti­sche soll und muss ange­spro­chen wer­den. Aber man darf auch auf das Posi­ti­ve ver­wei­sen.

Man ver­steht die EU als Brief­kas­ten für natio­na­le Wün­sche – das wird auf Dau­er nicht funk­tio­nie­ren.Zitat Ende

Chris­toph Leitl

Ehe­ma­li­ger WKÖ-Prä­si­dent

Geht die Poli­tik fahr­läs­sig mit dem his­torischen Erbe der EU um? Was fehlt?

Wir müs­sen den Sach­ver­stand auf der euro­päi­schen Ebe­ne ver­stär­ken. Mir ist da der­zeit zu viel Ideo­lo­gie drin­nen. Es braucht Leu­te mit einem prag­ma­ti­schen Zugang. Jene, die nur Wunsch­vor­stel­lun­gen haben und abseits jeg­li­cher Rea­li­tät agie­ren, soll man klar dar­auf hin­wei­sen, dass sie der euro­päi­schen Idee und Gemein­schaft und damit auch Öster­reich kei­nen guten Dienst erwei­sen. Es geht nicht nur dar­um, öster­rei­chi­sche Ideen in Brüs­sel zu ver­tre­ten, son­dern auch euro­päi­sche Ideen in Öster­reich zu ver­tei­di­gen. Das ist ein Geben und Neh­men. Wer nur ein­sei­tig For­de­run­gen auf­stellt und glaubt, sie wer­den erfüllt, der täuscht sich. Wir sind nur zwei Pro­zent der Bevöl­ke­rung der Euro­päi­schen Uni­on.

Miss­ver­steht man die ­Euro­päi­sche Uni­on als ­Abhol­sta­ti­on für natio­na­le Begehr­lich­kei­ten?

So ist es – man ver­steht sie als Brief­kas­ten für natio­na­le Wün­sche. Das wird auf die Dau­er nicht funk­tio­nie­ren. Wer Wün­sche hat, muss auch man­che Kom­pro­mis­se mit­tra­gen. Man setzt da gro­ße Hoff­nun­gen auf uns und erwar­tet, dass wir Lösun­gen andenken und nicht Veto­keu­len schwin­gend durch die Lan­de mar­schie­ren.

Wie zuletzt, als Öster­reich den Schen­gen-Bei­tritt von Rumä­ni­en und Bul­ga­ri­en blo­ckiert hat. Das hat mit ­euro­päi­schem Hori­zont …

… gar nichts zu tun. Oder wenn im zustän­di­gen Aus­schuss im Natio­nal­rat beschlos­sen wird, über Mer­co­sur nicht ein­mal zu ver­han­deln, dann greift man sich ja wirk­lich auf den Kopf.

Wie sieht Öster­reichs Bild in der EU der­zeit aus?

Es hängt schief. Wir müs­sen es mög­lichst schnell wie­der gera­de­rich­ten, bevor der Scha­den ein dau­er­haf­ter wird.

Ihr Wunsch an die EU?

Ich wün­sche mir, dass ein Euro­pa, das sich selbst als Frie­dens­idee und Frie­dens­ge­mein­schaft bezeich­net, auch aktiv mehr tut, dass es zur Wie­der­her­stel­lung die­ses Frie­dens kommt. Der­zeit sind die Posi­tio­nen ein­ze­men­tiert. Aber man muss sich bemü­hen, wie­der in einen Dia­log zu kom­men.

Zur Per­son
  • Chris­toph Leitl (75) stu­dier­te in Linz Sozi­al- und Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten bevor er die väter­li­che Fir­ma Bau­hüt­te Leitl-Wer­ke in Efer­ding führ­te.
  • Von 2000 bis 2018 war Leitl Prä­si­dent der Wirt­schafts­kam­mer Öster­reich, danach Prä­si­dent der euro­päi­schen Wirtschafts­kammer Euro­cham­bres.
  • Im eco­wing-Ver­lag ist jüngst „Euro­pa und ich“ ­erschie­nen, eine Zeit­rei­se anläss­lich sei­nes 75. ­Geburts­tags zwi­schen ­auto­bio­gra­fi­schem Rück­blick und Aus­blick in die Zukunft der EU.
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